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Literatur.
Französische Kritik. — Daß diejenige Periode der französischen Literatur, welche bald nach dem Sturz des Kaiserreichs beginnt, einige Jahre nach der Jnlircvolution ihre höchste Blüte erreicht, und dann vermittelst einer unerhörten Massenwirkung die Februarrevolution motivirt, seit dem Eintritts jener Katastrophe in schneller Abnahme begriffen ist, konnte man schon seit mchrcru Jahren wahrnehmen. Am auffallendsten ist es im vergangenen Jahr hervorgetreten, wo der Tod eine Menge der alten Berühmtheiten hinwcgrafftc. Man würde aber ebenso unrecht thun, daraus aus eine Abschwächung des Volksgcistes im Allgemeinen zu schließen, als wenn man aus ähnlichen Symptomen in Deutschland denselben Schluß ziehen wollte. Die Poesie, gleichviel ob in guter oder schlimmer Richtung, blüht nur in einer Zeit, wo ein allgemeiner Glaube oder ein allgemeines Vvrurthcil die Menge beherrscht, auf das man sich ohne weiteres berufen kann, in einer Zeit, die von Idealen gesättigt ist oder sich wenigstens nach Idealen sehnt. Nichts ist so geeignet, diesen Idealismus niederzuschlagen, als eine große Krisis, die ihren Zweck verfehlt. So war es bei der großen Erhebung von 1789, so bei der kleineren von 1848. Die alten Ueberzeugungen und Hoffnungen haben'sich als nichtig erwiesen, ein allgemeiner Zweifel umspinnt mit feinem düstern Netz die Gebilde des Glaubens und die Regungen des öffentlichen Lebens. Es wird in Frankreich jetzt viel von Christenthum und Kirche geredet, aber das ist nichts weiter, als die Furcht vor dem Geist der Umwälzung, den man nur durch die alten Zauberformeln zu bannen versteht. Eine solche Zeit ist so recht für die kritische und historische Betrachtung der Dinge geeignet. Da die schöpferische Kraft nur spärlich hervortritt, will man sich wenigstens die frühern Schöpfungen vergegenwärtigen, und sich mit den alten Ideen, denen man früher blindlings folgte, kritisch auseinandersetzen. Daß die Prosa diesen Augenblick auch in Frankreich den Sieg davon trägt, davon überzeugt uns am schnellsten ein Einblick in die Zeitschriften, die beide Zweige der Literatur miteinander zu verbinden streben. Die poetischen Leistungen werden immer schwächer, immer unbedeutender, immer farbloser, während die Prosa, und grade diejenige Prosa, die sich für Kritik und Geschichtschreibung eignet, ganz ungeheure Fortschritte gemacht hat. Es ist mitunter eine wahre Frcnde, in einer der beliebten Zeitschriften, namentlich in der Revue dc dcux Mondes eine kritische Abhandlung zu lesen. Wenn man ganz davon absieht, daß der Inhalt sich vertieft, die Gesichtspunkte sich erweitert haben, so gewährt bereits die Form einen wirklichen Kunstgenuß. Wer sich von der neuen französischen Prosa aus den classischen Schulrcminiscenzen ein'Bild machen wollte, würde im starken Irrthum sein; von der schnurgeraden Satzbildung uud den abstracten Formeln der alten Prosa ist keine Rede mehr, die Sprache hat etwas Bildliches uud so zu sagen Körperhaftes, während doch die Neigung zum Schwulst, die durch Chatcaubricmds Vorbild auf bedenkliche Weise in der Sprache Voltaires sich einbürgerte, fast ganz überwunden ist.
Wir haben einen bestimmten Werthmesscr, um das Steigen und Fallen der verschiedenen literarischen Richtungen innerhalb der öffentlichen Meinung zu verfolgen,