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stellender und descriptiver Weise entwickelten. Beider System beruhte in letzter Instanz auf derselben gemeinschaftlichen Grundlage, war beherrscht von dem einen bald bestimmt, bald unbestimmt ausgesprochenen Gedanken: die Gesammtheit alles Seins ist wie ein Kunstwerk, das All d. h. das Denken wie das Handeln, die Natur wie die Geschichte, steht unter dem ästhetischen Schema und trägt den Typus absoluter Harmonie. Schclling, formgewandt und mit den Bedürfnissen des philosophirendcn Publicums durch lange Uebung vertraut, gab der neuen Lehre gewissermaßen die künstlerische Haltung. Hegel eroberte für sie die historische Stelle, indem er sie zugleich durch die Dialektik seines Systems weiter entwickelte. Die wichtigste Schrift dieser Periode ist die Auseinandersetzung mit der Refleriousphilvsophie d. h. mit den Systemen KantS, FichteS und Jalobis. Haym zeigt vollkommen richtig, daß diese Kritik mit dem verhängnißvollen Fehler behaftet war, den Beweis durch die Behauptung zu ersetzen. Im Uebrigen wird er dieser merkwürdigen Abhandlung nicht ganz gerecht. In der Form ist sie zwar verworren, wie das Meiste, was Hegel geschrieben hat, aber die Charakteristik der germanisch Protestantischen Anschauungsweise, die an jenen drei Systemen nachgewiesen wird, ist wahrhaft genial, und die Stärke der Ausdrücke kann man dies Mal mit dem Triumph der neugewonnenen Ideen entschuldigen. Wir finden auch keine Neigung zum Katholicismus darin. Hegel weist nur nach:, daß die historische Erscheinung des Protestantismus noch nicht die wahre Darstellung des Glaubens ist; daß es zwar nothwendig war, aus der gedankenlosen Harmonie der alten Kirche zum Ernst der Arbeit überzugehn und den Schmerz deS Gedankens nicht zu scheuen, daß man aber in dem Gefühl der Entzweiung nicht stehn bleiben darf; daß man eine »cue Glaubensform suchen Müsse, in welcher der Geist nach langer Selbstentfremdung sich wiederfinde. Daß in dieser Versöhnung des Protestantismus mit dem ClasstcismuS nicht blos innerhalb der Knnst, sondern anch in der Religion die höchste Aufgabe Unserer Zeit beruht, wird niemand verkennen. Hegel hat das Problem freilich nicht gelöst, abet wir finden es nirgend so scharf formulirt uud so dichterisch schön ausgedrückt, als iu einzelnen Stellen dieser Abhandlung; wir stnden namentlich die Kritik des subjectiven Idealismus vollkommen gelungen, ^ine ähnliche Aufgabe hatte sich die romantische Schule gestellt, mit welker (namentlich mit Novalis) das neue System sich anfangs im Einklang fühlte; bald aber mußte Hegel durch ernsteres Nachdenken belehrt werden, daß "uf dem Wege der souverainen Einbildungskraft die Versöhnung zwischen den christlichen und griechischen Idealen nicht herzustellen sei. Diese größte Reaction in Hegels Geist fand statt, als ihm durch Schellingö Weggang aus Jena möglich gemacht wurde, frei seiner eigenen Entwicklung nachzugchn. Die Loösagung von der Nomantik erfolgte in der Vorrede zur Phänomens-