177
Magyarische Poesie.
Dichtungen von Alexander Pctöfi. Aus dem Ungarischen, in' eigenen und fremden Uebcrsctzuugcn herausgegeben von K. M. Kcrtbeny. Mit einem Vorwort von Fr. Bodcnstedt. Leipzig, Brockhaus. —
Bei dem ununterbrochene» luerarischen Wechselverkehr, der zwischen den Völkern germanischer und romanischer Zunge besteht, befinden sich die Dichter und Kunstfreunde derjenigen Nation, die in diesen Verband nicht aufgenommen sind, in einer eigenthümlichen Lage. So cif ig sich der polnische oder ungarische Dichter bemüht, aus dem innern Kern deS nationalen Lebens seine Figuren zu schneiden, so kann er doch den Einfluß des gebildeteren Auslandes nicht von sich abwehren. Es sind fast durchweg deutsche, französische und englische Dichter, die ihn zuerst zum Schaffen angeregt, zuerst die Empfindung in ihm hervorgerufen haben, baß auch er ein Maler sei. So groß die Anerkennung sein mag, die ihm in seiner Heimath zu Theil wird, er empfindet eS doch mit einem geheimen Mißbehagen, daß er die empfangene Gabe nicht zurückerstatten, daß er bei den Vorbildern seiner Bildung und seines Geschmacks seine Nation nicht zn Ehren bringen kann. Für den Ungar ist dies Gefühl noch drückender als für den Slawen, denn der letztere spricht zu einem ausgedehnteren Publicum und findet auch wol im Ausland diesen oder jenen, der seine Sprache versteht und im Stande ist ihn zu würdigen. Die ungarische Sprache dagegen versteht in ganz Europa außer der kleinen Zahl dieses Volks selbst fast niemand. Nun haben in den Iahren 1848 und 18i9 die Ungarn trotz ihrer Niederlage ein starkes und gerechtfertigtes Selbstgefühl erworben. Zwar hat ihnen die NevvluNon bittere Früchte eingetragen, sie haben die letzten Neste ihrer politischen und administrativen Selbstständigkeit eingebüßt, aber sie haben der Uebermacht ihrer Feinde tapfer und heldenmüthig widerstanden und die Erinnerungen an diese Zeit werden der Nation als ein unvergänglicher Schatz bleiben, auch wenn es ihr selbst nicht wieder gelingen sollte, in der Reihe der europäischen Staaten eine verhältnißmäßig gesicherte Stellung zu erwerben. Nun hatte ste das seltene Glück, baß in der Zeit der höchsten Aufregung, wo alle Kräfte Zum Freiheilskampf angespannt waren, zugleich eine Poesie bei ihr aufblühte, die echt national und doch zugleich von den allgemeinen Bildungc- ^ementen so gesättigt war, daß sie kühn mit den Leistungen entwickelterer Völker in die Schranken treten durfte.
Aus dem Zusammentreffen dieser verschiedenen Umstände begreift man
sonst sehr auffallende Erscheinung, daß der Herausgeber dieses Buchs, Herr Kcrtbeny, sich seit einer Reihe von Jahren gleichsam die Lebens-
Greuzboten IV.->8ö7. 2Z