119
selbst die größte geistige Energie nicht aus, und viele Amtspflichten müssen unter- geordneten eingebvrnen Werkzeugen anvertraut werden, die vollkommen unverantwortlich find, da es ganz unmöglich ist; eine Aussicht über sie zu führen. Dieser Umstand erklärt zur Genüge, weshalb die Mißbrauche und Grausamkeiten, von denen voriges Jahr gelegentlich einer Interpellation des Lord Albemarle wegen der von indischen Stcucrbeamten verhängten Tortnr so viel die Rede war, so unbeachtet und unbestraft bleiben konnten. Die Schuldigen waren eingeborne Unterbeamte, die wegen der weiten Entfernung des Wohnorts des englischen Collcctors von dem Schauplatz ihrer Wirksamkeit ohne alle Aufsicht und daher ohne alle Verantwortlichkeit waren.
Literatur.
Römische Geschichte von Theodor Mommsen. Dritter Band. Von Sullas Tode bis zur Schlacht von Thapsus. Zweite Auflage. Berlin, Weid- mann. — Indem wir die Vollendung der zweiten Ausgabe dieses großen Geschichts- werks anzeigen — denn die Geschichte der römischen Kaiserzeit wird, wie wir fürchten, noch lange auf sich warten lassen — müssen wir uns, wie bei der Anzeige des zweiten Bandes, damit begnügen, noch einmal die Bewunderung auszusprechen, mit der uns auch bei der neuen Lectüre diese glänzende Darstellung erfüllt hat. Es find nicht unbeträchtliche Zusätze darin ausgenommen und manches Einzelne ist verbessert, aber diese Verbesserungen beziehen sich sast ausschließlich auf die kritische und gelehrte Seite des Buchs. Was das moralische Urtheil betrifft, welches grade in diesem Bande in Bezug ans einzelne Persönlichkeiten vielfachen Anstoß gab, so hat der Versasser sich nicht veranlaßt gesehn, dasselbe irgendwie zu modificiren. Die Verachtung gegen Cicero und Pompejus spricht sich noch mit der alten Härte aus und Cäsar ist noch immer der Gegenstand unbedingter Bewunderung. Wir gehören zu denen, die, wenn auch von der Richtigkeit des Urtheils im Allgemeinen überzeugt, doch der Ansicht sind, daß der Verfasser nicht alle Umstände, die bei dem Endurtheil ins Gewicht fallen, gleichmäßig ins Auge gefaßt hat. Der Jnstinct der künstlerischen Einheit hat ihm die einfache Beobachtung verdunkelt, daß die Menschen in der Geschichte und im wirklichen Leben nicht so aus einem Gusse sind, wie die Kunst sie darstellt und darstellen muß, und daß der Geschichtschreiber, wenn er es unternimmt, aus dem richtig erkannten Princip ihres Lebens heraus alles Einzelne zu construiren, Gefahr läuft, den Thatsachen Gewalt anzuthun. Allein Wir finden es begreiflich, daß ein tiefer Kenner des Alterthums, der sein Urtheil auf langjährige Studien stützt, auch durch die überwiegende Zahl derer, die darüber den Kops schütteln, sich nicht irre machen läßt, uud müssen es abwarten, ob im Lauf der Jahre der Verfasser durch eignes Nachdenken geleitet die Persönlichkeiten jener Zeiten in einem etwas andern Licht erblicken wird. Wir können es mit Ruhe abwarten, denn es gehört jetzt keine Prophetengabe mehr dazu, dem Wer! eine große Zukunft zuzuschreiben. —