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Literatur.
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stricken ließ, sei die richtige: der Faust solle nämlich in der Form eines Mythus eine sublimirte Geschichte des menschlichen Geistes, seines Elends und seiner Größe geben. Diese vollkommen phantastische Vorstellung hat sich um so mehr bei uns eingebürgert, da man diese Personificirung' allgemeiner Begriffe auch auf die Religion ausgedehnt hat, da man nach dem Vorgänge von Strauß in Christus den Genius feiert, der als Ideal alle menschlichen Tugenden und Vollkommenheiten in sich vereinigen soll. Eine solche Vereinigung ist aber ein Unding. Man kann nicht Rasael, Shakespeare, Alexander der Große, Novalis, Voltaire, Alcibiades, Cato u. s. w. in einer Person sein, denn die Vorzüge der einen Person schließen die der andern ans. Man kann' anch nicht in sich selbst die ganze Geschichte der Menschheit durchmachen. Das ist zwar ein flüchtiger Einfall des übermüthigen, trotz seines vierfachen Doctorhuts noch immer sehr unreifen Faust, des Zeitgenossen Werthers, über den sich aber schon Mephistophcles, der erfahrene Weltmann, mit Recht lustig macht. Es wird wol zweckmäßiger sein, die Sache einsach auszusassen. Der Faust ist ursprünglich eine Wiederholung des Elavigo in seinem Verhältniß zu Carlos, des Weisling in seinem Verhältniß zu Liebetraut, kurz eine neue Be­arbeitung der alten Ersahrungen des Dichters selbst, der sich durch sciue umfassende Liebescmpfänglichkeit öfters in Verhältnisse einließ, von denen ihm später der kühle Verstand sagte, daß sie seiner Natnr unangemessen seien, und der darüber in schwere Gefühlsconflicte verfiel. Dem Helden, der wie immer sein eignes Con- tersei ist, gibt er dies Mal eine neue Färbung. Während sich bei Werther der geniale Drang des Gefühls in dumpfem Brüten verzehrt, dehnt sich bei Faust die Genialität der Spcculation über das Maß der menschlichen Kräfte ans. Die Grenzen, welche Kant der Speculation gesteckt hatte, beängstigen ihn, und da die methodisch sortarbeitende Wissenschaft seinen Fragen stumm bleibt, so wendet er sich zur Magie, zur Speculation, zur Mystik, oder wie man es sonst ausdrücken will. Nun wird es wohl jedermann einleuchten, daß diese Färbung des Charakters und der Stimmung nicht grade nothwendig war, um das Verhältniß zu Gretchen zu Motiviren, aber sie paßt wenigstens ebensogut dazu, als die weltschmerzliche Stim­mung Werthers zu seiner Leidenschaft. Napoleon hat bekanntlich den Dichter wegen dieser Vermischung getadelt, Goethe hat sich geschickt vertheidigt, und wir pflichten seiner Vertheidigung bei. Aber in Werther gelang es ihm, die beiden Elemente harmonisch zu verarbeiten, weil er in der Hauptsache nur seine eigenen Stimmun­gen und Erfahrungen abschreiben durfte. Im Faust ging es ihm grade so wie Schiller im Don Carlos: Der speculative Theil dehnte sich zu sehr über den dra­matischen aus. Er nahm nämlich das Costüm zu seiner eignen Stimmung aus dem Puppeüspiel uud aus den Scharteken des 4 6. Jahrhunderts über die Magie. Wie er über die letzteren dachte, das hat er in seinen Briefen an Schiller deutlich genug gesagt; aber wo er ein sinniges Bild oder ein Symbol darin antraf, das eine poetische Darstellung erlaubte, da übersetzte er es in seine eigne Sprache, er idea- Uirte es nach seinem eignen Gefühl und seinem eignen Wissen, und so ist denn in den ersten dreißig Jahren, daß er daran arbeitete, allmälig ein Gedicht daraus hervorgegangen,-das in allen Einzelheiten von namenloser Schönheit, als Gauzes eine Mosaikarbcit ist. Auch die Ausgabe von 1790 ist bereits Mosaikarbcit, nur daß man weniger gestört wird, weil sich in dieser Form das Buch als das aus-