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Uebrigens gründet er die Idee seines DichterruhmS mehr auf die Zukunft, als auf die Vergangenheit. Er spricht von seinen frühern minniglichen Leistungen, die ihm die Gunst der Frauen gewonnen, ziemlich geringschätzig, und verspricht jetzt ein Lied für Männer zu singen.
Doch wer von Frauen klug und ernst mag lauschen' — Auch diese will mein Heldensang umrauschen.
Das Stück enthält 386 enggedruckte Seiten. Darunter gehört ein guter Theil den Nolkssceneu an, die in der herkömmlichen Form des Coriolan und Egmont abgefaßt sind, nur daß sie fast auf jeder Seite durch ein „Donnerwetter" (wahrscheinlich eine freie Uebersetzung von Goddam) bekräftigt werden. Die Äntriguanten des Stücks, Cromwell, Cranmer und Anna Boleyn, sind schwarze Bösewichter. I» Heinrich dem Achten selbst streiten gute Eigenschaften mir den bösen; die letztern erhalten erst durch den entscheidenden Sündenfall, nämlich durch die Lossagung von dem Papst, das Uebergcwicht. Wenn nun die Farben dieses Gemäldes auch gar zu schwarz sind, so wird doch wol kein Protestant für die Tugend jener Männer in die Schranken treten wollen, und wenn der Dichler auS der Gegenüberstellung dieser Personen und deS katholischen Kanzlers Thomas Morus, den er als das höchste Ideal der Tugend, als einen vollendeten Heiligen darstellt, die Folgerung zieht, der Katholicismus mache die Menschen tugendhaft und der Protestantismus lasterhast, so mag man einem Tendenzdichter auch diese Verallgemeinerung nachsehn, wenn er sie freimüthig eingesteht, da das historische Drama unmöglich die Aufgabe haben kann, die historische Anschauung zu rectificiren. Herr von Redwitz ist Katholik, und er sucht seine Kirche zu verherrlichen, was natürlich auf die wohlfeilste Weise dadurch geschieht, daß er die Gegner derselben herabsetzt. Interessanter muß es uns sein, wie er sich sein Ideal vorstellt. Zunächst fällt uns bei seinem Heiligen ein starker Ansatz zum Servilisnmö auf. Die Sprache, die er ihn gegen Heinrich den Achten führen läßt, war zwar durch die Furcht vor einem jähzornigen Herrn, der einem widersprechenden Unterthan ohne weiteres den Kopf abschlagen lassen konnte, motivirt; aber warum wählt Herr von Revwitz grade einen Heiligen, der in der Lage ist, einem halb wahnsinnigen Tyrannen fade Schmeicheleien zu sagen, sich vor einem Charakter, den er als ehrlicher Mann verachten muß, in den Staub zu werfen? — Er wählt ihn darum, weil er in seinem Herzen nicht blos Ultramontan, sondern auch Absolutist ist. Er theilt die Ansicht Heinrichs des Achten, daß üian auch einem Nero nur passiven Widerstand entgegensetzen dürfe. Thomas Morus wird auf die Probe gestellt. Heinrich deutet ihm seine Absicht an. England vom Papst loszureißen, waS nach den Ansichten des Kanzlers ein furchtbares Verbrechen ist. Er fragt ihn, was er in diesem Fall thun würde, und erhält folgende Antwort: