127
Barsüßele, von B. Auerbach und andere neue Romane.
Barsüßele. Von Berthvld Auerbach. Stuttgart und Augsburg, Cvttasche Buchhandlung. —
Berthold Auerbach hat dmch diese neue Dorfgeschichte sich wieder eine große Zahl von Freunden erworben. Zum Theil rührt das von ihrer heitern Stimmung her. Seine letzten Erzählungen hatten sast durchweg einen düstern Charakler; er hatte sich in die innern sittlichen Wirren des Dorflebens vertieft und die Tragödien entwickelt, die uns in dem gewöhnlichen Leben umgeben. So vortrefflich einige Seiten deö Landlebens z. B. im Lehnhold dargestellt waren, so anschaulich die innere Dialektik der Zustände uns entgegentrat, es war doch keine ganz gesunde Atmosphäre, in der man athmete, und es bleibt sehr die Frage, ob die Poesie das Recht hat, Ausnahmefälle in einer Form darzustellen, als ob sie die Regel enthielten. Das Tragische soll uns erschüttern, als harter Widerspruch gegen die Gewohnheit unsers Daseins; wird es uns zu nahe gerückt, so hört die Freiheit unsers Gemüths auf, das Erhabene unbefangen nachzuempfinden. Die aufgeregte See ist ein erhabener Anblick, wenn wir sie vom sichern Ufer betrachten; wenn wir aber im Begriff sind, zu ertrinken, so hört das Gefühl des Erhabenen auf. Gewiß hat der Dichter das Recht, sich die Sphäre seiner Handlung frei zu wählen, aber namentlich wenn er durch eine Reihe von Bildern gewissermaßen die Totalität einer Volksschicht darzustellen unternimmt, muß er sich hüten, ausschließlich die Schattenseiten hervorzuheben, weil er uns sonst ein Zerrbild vorführt. Auerbach befolgt in der Zusammenstellung seiner Dorfgeschichten eine Sitte, die wir ohnedies in künstlerischer Beziehung mißbilligen: er verlegt sie fast alle an einen Ort und läßt, um die Täuschung zu vermehren, in jeder neuen Novelle einen Theil seiner alten Personen wieder austreten, in der Weise, wie es die Gräfin Hahn, und Balzac gethan haben. Nun stelle man sich einmal die sämmtlichen Dorfgeschichten zusammen, die Auerbach in seinen vier Bänden erzählt hat, und man wird sich nicht erwehren können, den Ort, in dem dieselben alle vorgefallen sind, als ein zweites Sodom und Gomorrha anzusehen. Verlegt man seine Geschichten in eine große Stadt, so läßt sich der Leser so etwaS noch eher gefallen, denn hier bleibt noch Raum genug für tugendhafte und brave Leute, aber in einer engumgrenzten Landgegend darf uns der Dichter nicht zu viel Greuelthaten berichten, weil unserer Phantasie sonst die Ausnahme zur Regel wird.
Einen ganz andern Eindruck macht die neue Dorfgeschichte. Wenn auch viele ernsthafte Ereignisse darin vorkomme», so zeigt sie doch eine überwiegend heitere Stimmung, und es wird uns nicht die Krankheit, sondern die Ge-