L»8
gut oder böse, ihm zur Last. Aber die europäische Diplomatie hat sich nur zu hüten bei der nächsten Krisis Hilfe in einer Abdankung zu Gunsten der Kronprinzen zu suchen. Es war bereits einmal davon die Rede. — Es ist nicht sowohl die Person, als das System und die Traditionen der Vergangenheit, welche dieser Familie Gefahren bereiten. Und so möge hier statt aller naheliegenden Schlußbetrachtungen der bei der gegenwärtigen deutschen Preßfreiheit immerhin kühne Ausspruch eines Konservativen stehn. „Da eine jede Alleinherrschaft," sagt Goethe, „allen Einfluß ablehnet und die Persönlichkeit des Regenten in größter Sicherheit zu bewahren hat, so folgt, daß der Despot immerfort Verrath argwöhnen, überall Gefahr ahnen, auch Gewalt von allen Seiten befürchten müsse, weil er ja selbst nur durch Gewalt seinen erhabenen Posten behauptet. . . . Ein uneingeschränkter Wille steigert sich selbst und muß, von außen nicht gewarnt, nach dem völlig Grenzenlosen streben. . . . Aber nicht allein der Fürst, sondern ein jeder, der durch Vertrauen, Gunst, oder Anmaßung, Theil an der höchsten Macht gewinnt, kommt in Gefahr, den Kreis zu überschreiten, welchen Gesetz und Sitte, Menschengefühl, Gewissen, Religion und Herkommen, zu Glück und Beruhigung um das Menschengeschlecht gezogen haben."
Der persische Conflict.
Persien hat für Rußland eine ganz ähnliche Wichtigkeit wie das türkische Reich. Wenn der Länderbesitz des Sultans oder des Schah dem moskowitischen Staate einverleibt wird, erhält Rußland die Herrschaft, im ersten Fall über Europa, im andern über Asien. Gelänge es dem Zar jemals, sich der europäischen Türkei zu bemächtigen, so wären die HauptstMten des europäischen ContinentS, vornehmlich Oestreich und England, im äußersten Maße bedroht. Der Pontus wäre allen uichtrussischen Kriegsfahrzeugen verschlossen, und thatsächlich in ein russisches Binnenmeer umgewandelt; an der mittelländischen See hätte diese Macht eine weitgedehnte und hafenreiche Küste und in dem Griechenvolke die rührigsten Seeleute zur Bemannung seiner Flotten; es würde nicht nur den Bestrebungen Oestreichs, sich an der Adria zu einer Seemacht des Mittelmeeres zu entwickeln, Halt gebieten, sondern auf Grunv der neugewonnenen, ungeheuern Hilfsmittel zur See selbst Frankreich und England entgegentreten. Das sogenannte „Donaureich" im Besonderen. befände sich in einer mehr als bedrohten Lage, von Polen bis Bosnien hin im weiten Bogen vom russischen Gebiet umfaßt, und einer erdrückenden strategischen Umarmung Preis gegeben. Aber auch in Italien könnte Nußland einbreche»;