Die Natur der Harmonik und der Metrik, von M. Hanptmann.
Die Theorie der Musik hat bis auf die neueste Zeit, eine mehr praktische, als theoretische Bedeutung gehabt, Ihr Zustand war nicht der Art, daß man eine wissenschaftliche Freude daran hätte empfinden, in ihr den Genuß finden können, den die reine Erkenntniß auf andern Gebieten gewährt; sie war vielmehr ein nothwendiges Bedürfniß für den praktischen Musiker, der sich die empirischen Gesetze seiner Kunst aneignen mußte und dem an jener wissenschaftlichen Vollendung wenig lag, eine werthvvlle Beihilfe für den gebildeten Musikfreund, dem das unmittelbare Urtheil des Gefühls und der Phantasie nicht genügte; höhere Ansprüche konnte sie nicht befriedigen. Die Theorie der Musik entbehrte schon der ersten Grundlage, indem sie die Nothwendigkeit und Bernünftigkeit der diatonischen Tonleiter und des Dreiklangs nicht beweisen konnte. Stützte man sich, was den Dreiklang betrifft, auf die Naturharmonie d. h. auf die bekannte Erscheinung, daß hier beim Erklingen eines Tones dessen Quinte und Terz mitklingen, so ließ sich dagegen sofort einwenden, daß dies nur die ersten mitklingenden Tone sind, deren Reihe nicht nur der Idee nach ins Unendliche geht, sondern auch bis zu einer gewissen Stufe thatsächlich enstirt, ohne doch in unser Tonsystem aufgenommen zu werden. Wenn wir den ursprünglich klingenden Ton als 1 setzen, so hört man dessen Octave — 2, die Quinte derselben ^ 3, die Terz — 3, und einen Ton, der in Bezug auf den AuögangSton das Siebenfache der Schwingungen enthält, der also, um ein Beträchtliches tiefer als unsre auf ganz andrem Wege entstandene kleine Septime, schon hinreichend die Unzulänglichkeit dieses Princips beweist. (Auf den Naturinstrumenten, wie Horn, Trompete, wird dieser Ton durch stärkeren Druck etwas erhöht.) Denn daß wir der Naturharmonie nur bis zur Terz folgen, muß doch einen Grund haben; und diesen Grund zu entdecken, war eben die Aufgabe, mit deren Lösung auch die Nothwendigkeit, sich noch weiter auf die Nalurharmonie zu stützen, wegfallen mußte. Andere haben das Princip der Musik in der Physiologie, in der organischen Siructur der menschlichen Nervcn gesucht; doch hat sich diese Richtung nicht weiter ins Einzelne- verfolgen lassen; auch würde der ausschließlich subjective Charakter derselben ihr Grenzboten. III. 18öS. 21