Beitrag 
Südwestdeutsche Briefe. 1.
Seite
126
Einzelbild herunterladen
 

I2K

blieb: der Constitutionalismus wurde, so weit dies unter den heutigen Zeit­strömungen möglich, grade von den neuen Kammern des deutschen Südwestens wieder zu Ehren gebracht.

Christenthum und Heidenthnm.

Das wiedergefundene gvldene Büchlein: Von der Wohlthat Christi. ' von Antonins Pcilcarins. Ans. dem Italienischen übersetzt von Erich Stiller. Hamburg, R. Kittler.

DieS Buch, welches im Geist der Reformation geschrieben war, erschien löi'T in Venedig; es wurde in 40,000 Exemplaren gedruckt, aber durch die eifrigen Bemühungen der Jesuiten mit einem solchen Erfolg unterdrückt, daß selbst Ranke kein Exemplar davon austreiben konnte. Der Verfasser, Professor der classischen Literatur in Siena, wurde noch in seinem 70. Jahre hingerichtet. In den letzten Jahren ist es gelungen, ein Exemplar desselben in England aufzutreibcn, und wir erhalten darin ein lebendiges Bild von dem Geist, der im 16. Jahrhundert zu einer religiösen Wiedergeburt führte. Man hat nenerdings vielfach versucht, die sittlichen Grundsätze, welche wir dem Christen­thum verdanken, mit der Weltanschauung, die sich aus der classischen Litera­tur, d. h. aus dem Heidenthum herschreibt, -zu versöhnen. Der Versuch ist nicht zu umgehe», denn beides sind höchst wichtige Momente unserer Bildung, beides lebt in unmittelbarer Tradition sort, und wollen wir eine Einheit unsers Charakters uud unserer Ueberzeugung erwerben, so müssen wir entweder eine Vermittlung finde», oder mit rasche», Entschluß das Eine dem Andern auf- opferu, wobei denn immer uuser Gefühl auf irgend eine Weise verletzt wird. Was »un das Erste betrifft, so ist eS freilich am bequemsten, aus beiden Bil- dungSformen diejenigen Momente auszuwählen, die unö gefallen, und daS Uebrige auszuscheiden; allein die Principlosigkeit eines solchen Verfahrens gibt sich auch darin kuud, daß niemals ei» haltbares Gebäude daraus hervor­geht. Am leichtesten scheint es, die Bibel als die einzige Grundlage der christ­lichen Lehre festzuhalten, da sich in dieser kein System entwickelt hat, sondern nur eine Reihe von Lehren, Geschichten, Bildern, Gleichnissen u. s. w., wo sich denn immer Eins oder das Andere vorfindet, aus welchem man seine eigene Ansicht rechtfertigen, oder doch wenigstens als nicht verdammenswerth darstelle» kann. Allein das historische Christenthum steht »icht vollständig in der Bibel, und wenn auch die Nesormatiou theoretisch alle Beweisgründe, die Nicht aus der Bibel genommen sind, verwirft, so gestattet sie doch in der Aus­wahl derselben dem Einzelnen keine Freiheit, sondern hält sich an die Ueber-