Deutsche Geschichtschreib er.
Georg Waitz.
Wenn man zu Anfang dieses Jahrhunderts die Blüte des deutschen Culturlebens darstellen wollte, so mußte mau sich au die Dichter, Philosophen und Philologen halten. DaS Leben der deutschen Literatur wurzelte damals im griechischen Alterthum. Aus ihm nahm man die Muster für die Darstellung, in seiner Weise bemühte man sich zu denken und zu empfinden, ja mich der positive Inhalt des Glaubens, der Idealismus des Herzens und Verstandes erinnerte mehr an die Hellenengo'iter, als an die eigne christlich-germanische Vergangenheit. Der Idealismus war die Signatur der Zeit in allen Zweigen des Schaffens und des Empfindens. Man achtete die Wirklichkeit gering und setzte auf die Zukunft nur insofern Hoffnungen, als sie aus dem höheren Bewußtsein der freien Bildung hervorgehen sollte. ' Allmälig trat in allen Gebieten der Literatur eine innere Reaction ein. Die Dichtkunst, zuerst durch die romantische Schule angeregt, hörte auf, sich mit dem griechischen Ideal zu befriedigen, sie durchsuchte alle Zeiten und Völker, um iu der Allseitigkeit des Idealismus dem Bilde des reinen Menschen immer näher zu kommen, bis sie endlich für das Gewirr der verschiedenen einander widersprechenden Ideale kein anderes Cvrrectiv fand, als die Wirklichkeit, und so auf einem weiten Umwege zum Realismus, zum deutschen Leben zurückkehrte. Die Philosophie wurde ihrer subjectiven Ideale müde und kam endlich in derjenigen Schule, die am tiefsten vom griechischen Geist durchdrungen war, zu dem überraschenden Resultat, das Wirkliche sei das Vernünftige, womit sie zugleich, ohne es selbst klar nnzusehen, die Führerschaft abgab und sie denjenigen Wissenschaften überließ, die sich mit der Erforschung des Wirklichen beschäftigten. Die Philologie endlich, die bisherige Lehrmeisterin der Küuste und Wissenschaften, wurde durch immer tiefere Forschung genöthigt, sich die historische Methode anzueignen, und die Durchforschung des alten Rechts- und Swatölebeus drängte die Beschäftigung mit den Künstlern, Dichtern und Philosophen in den Hintergrund. Es war eine lange unv im Ganzen unerfreuliche Zeit der Gährung, in welcher
Gmizboten. III. -IW«. <i