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Die Nähe so vollendeter Leistungen hat etwas Drückendes für die daneben Stehenden, denn der unmittelbare Eindruck des Echten und Wahren ist »unwiderstehlich, und so geneigt man ist, dies hinzunehmen, als ob es sich nur so von selbst verstehe, so empfindlich wird man dadurch gegen das'minder Gelungene oder wol gar Verfehlte. Mitunter scheint es unbegreiflich, wie nicht schon das Beispiel des Richtigen von offenbaren Verstößen abhielt, die gegen Dcclamation und Accentuation, gegen reine und deutliche Aussprache und ähnliche elementare Forderungen leider oft genug begangen wurden, vom geistig beseelten Vortrag gar nicht zu reden; wenn nicht eben bei wirklich künstlerischen Leistungen alles eng miteinander - zusammenhinge, und einem großen Künstler etwas abzulernen künstlerische Durchbildung voraussetzte.
Verstöße der Art treffen natürlich Hrn. Schneider nicht, welcher sich auch dies Mal als einen gebildeten Sänger bewährte, der mit Verstand und Einsicht seine Partie durchdacht hatte und in ihrem Vortrag Sinn für das Einfache und Edle.erfreulich an den Tag legte. Allein neben Stockhausen empfand man doch, daß er seine schone Stimme nicht in dem Maße ausgebildet hat, daß sie ihm in allen Nuancen völlig dienstbar ist; unter der Anstrengung, welche er mitunter anwenden muß und die sich auch in seinem Gesicht ausdrückt, leidet dann auch die Schönheit des Tons, der. ihm noch nicht mit allen Klangfarben zu Gebote steht, um jeder Nuance des Gefühls den bezeichnenden Ausdruck zu geben. Ich glaube, es liegt nur hieran, wenn seinem Vortrag, der stets verständig überlegt und richtig aufgefaßt ist, doch mitunter das tief Ergreifende und zugleich Leuchtende einer poetisch belebten Darstellung .fehlt. Indessen glaube ich doch ein paar Mal bemerkt zu haben, daß Hr. Schneider der Versuchung unterlag, um einen wohllautenden Ton zur Geltung zu bringen, länger anzuhalten, als eigentlich nöthig und zweckmäßig gewesen wäre; namentlich trat im bcethovenschen Liedcrkranz das un- verhältnißmäßige Halten auf den Schlußtönen als jene nicht wohlthuende Manier hervor, vor welcher ein Künstler, wie Hr. Schneider, auf seiner Hut sein muß und wird, selbst wenn ein großer Theil des Publicums ihm dafür zuklatscht. Ich hätte auch gewünscht, daß' er einigen Partien im Elias etwas mehr Festigkeit gegeben hätte. Mendelssohn ist darin, z. B. in der ersten Tenorarie bis an die Grenze des Weichen gegangen, uud es ist sehr zu fürchten, daß der Ausdruck, wenn der Sänger, der gegebenen Weisung nachgibt, weichlich werde. Ueberhaupt haben die Tenorsänger sehr häusig fest im Auge zu behalten, daß sie nicht einseitig den weichen und zarten Charakter ihrer Stimme ausbilden, sondern auch männliche Kraft und-Würde derselben erhalten.
Hr. Dumont-Fines, der die Baßpartie in Schumanns Adventslied und in der neunten Symphonie übernommen hatte, ist ein Veteran aus der achtbaren, Schar deutscher Dilettanten, die mit lebhaftem musikalischen Interesse
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