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man nicht weiß, kann man daran denken, die Lücken dieses Gemäldes durch speculative Conjectur auszufüllen, die freilich auch den Gesetzen der Wissenschaft folgen muß. Jeder andre Weg, schneller zum Ziel zu gelangen, indem man die naturalistische Spekulation durch die kirchliche Legende und das Dogma durch den philosophischen Gedanken durchklingen läßt, so viel Geist, Scharfsinn und Gelehrsamkeit man auch darauf verwendet, bleibt immer ein unwissenschaftliches Unternehmen und führt zu keinem bleibenden Resultat. Auf welche Weise die Theologie sich speculativ weiter bildet, daS muß ihr überlassen bleiben; sobald man aber zu Philosophiren behauptet, muß man der Wissenschaft Rechnung ablegen.
Von den beiden vorliegenden Schriften ist die von Weiße ungleich geistvoller, gelehrter, inhaltreicher, obgleich wir gern einige Mäßigung der weitschweifigen Form gewünscht hätten; aber auch sie ist keine wahre Bereicherung in der Erkenntniß des Christenthums, denn sie geht nicht davon aus, was aller Geschichte zu Grunde liegen muß d. h. sie scheidet nicht das, was sie weiß, von dem, was sie nicht weiß; sie cinalysirt nicht, sondern sie sängt mit der Synthese an und von diesem Erwerb des Wissens gilt das alte Sprichwort: Wie gewonnen, so zerronnen.
Korrespondenzen.
Aus Kvnstantinopcl. 10 November.— Ueber kein Verhältniß hat man im Abendlande eine unrichtigere Meinung, wie über das türkische Partciwesen. Man ist schnell bereit, unsre occidentalischen Begriffe auf dasselbe anzuwenden.
Die Interessen des Westens sind von ihrer unmittelbaren Gebundenheit an die Person erlöst und an etwas Höheres, Allgemeineres angekettet, es regieren die Ideen, Ideale, Principien. Wol hat man sich auch bei uns großen Individualitäten hingegeben und die Massen haben sich von ihnen oft scheinbar willenlos und ohne Bewußtsein über das Geschehende leiten lassen; aber doch immer nur dann, wenu diese aufragenden Gestalten die Repräsentanten nicht nur' ihres eignen Egoismus, soudern auch eiuer Idee waren. Nicht so im Orient, wo die leitenden Gedanken, wie sie denn einerseits selten zur abendländischen Klarheit gedeihen, es außerdem lieben, sich dem Fassungsvermögen der großen Menge zu entziehen und mehr unter der Oberfläche der historischen Bewegung, wie von einem geschichtlichen Hochpuukt aus und in der Gestalt einer allsichtbaren Persönlichkeit zu wirken. Daher die Macht und der Einfluß, welche hier zu allen Zeiten gewisse mystische Körperschaften besessen, in den häufigsten Fällen Priesterschaften, deren Hauptstreben im Grunde genommen auf nichts Andres gerichtet war, als daraus, ihre Corporatious- iuteresscn, also den directcsten Ausfluß ihrer Selbstsucht, zu fördern und das Volk lediglich zu deren Vortheil auszubeuten.
Die Gewalt der Pricsterschasten und ähnlicher Korporationen im Morgenlande