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tanten des Ideals: der Hanswurst, der alte König, der kindisch geworden ist, mit Bleisoldaten spielt und sich unter ihnen „Ideale" bildet, und der Prinz Zerbino, eine krankhast ausgeregte Natur, welche Tieck — aus dem „Triumph der Empfindsamkeit" entlehnt hat. Die prosaische Welt bemüht sich, diese excentrischen Personen zu curiren, und am Prinzen gelingt die Cur zuletzt, er wird „ein hoffnungsvoller junger Mensch". — Auch hier werden wir an Fichte erinnert. Der Philosoph weist nach, daß die Menschen, in denen die Idee zuerst zum Durchbruch kommt, der Welt als Thoren und Schwärmer erscheinen müssen; aber während er die Schwärmerei nur als eine krankhafte Uebergangsperiode beträchtet, bleibt der Dichter bei diesem Zustand der Willkür stehen und feiert den Wahnsinn als das Ziel der Poesie. ,
Für den Inhalt der Schwärmereien bot sich nun der transscendentale Idealismus, welcher der öffentlichen Meinung spottete und das sogenannte Gesetz der Wirklichkeit in Frage stellte, als eine bequeme Handhabe. Schon im „Blaubart" hatte der verrückte Philosoph Simon seinen Mitspielern durch Anspielungen aus der Wissenschaftslehre imponirt; in dem gegenwärtigen Strick wetteifern Hanswurst, Zerbino und der schwachsinnige alte König, die Wirklichkeit in das Reich' der Ideale oder der Träume aufzulösen. Was dem Philosophen heiliger Ernst ist, wendet der Dichter als phantastischen Spuk an, um die Philister zu ärgern; im Grunde denkt er über die metaphysischen Abstrac- tionen grade so, wie die Aufklärer, die er verspottet.
Nun genügt es aber dem Dichter keineswegs, die Uebergangsstufe aus der gemeinen Wirklichkeit zum Ideal zu schildern, er vertieft sich in das innere Heiligthum der Poesie; theils stellt er die Romantik dadurch dar, daß er Weise und Thoren durch Zauberspuk in die tollste Verwirrung bringt, wie im „Sommernachtötraum" u. s. w.; theils bringt er eine Reihe poetischer Schäfer an, die grade soviel Raum einnehmen, als die prosaischen Figuren, die in Reimen zueinander sprechen, Liebe empfinden und Lieder aus die Sehnsucht singen. Wäre nun Sentimentalität gleichbedeutend mit Poesie, so wären wir hier im reinsten Wunderland der Ideale; allein da diese Schäfer mit ihren Declamationen über die Waldeinsamkeit, über die Vöglein und Blumen u. s. w- nicht die geringste Bewegung und keine Spur von Leben zeigen, so merken wir sehr bald, daß wir uns in — „Erwin und Elmire" befinden, nur daß Tieck breit und massenhaft ausführt, was Goethe leise und zart andeutet. Einzelne Lieder, die diese Schäfer in Nocococostüm an den Mann bringen, z. B. „Feld- einwärts flog ein Vögelein", „Komme, Trost der Nacht, o Nachtigall", „der frische Morgenwind" u. s. w., in denen Reminiscenzen an deutsche Volkslieder durchklingen, haben eine recht schöne Melodie; allein im Ganzen wird matt doch durch das beständige stofflose Schmachten, Trachten, Thränen, Sehnen u. s. w., kurz durch die leere Empsindelei ermüdet. — Der höchste Gipfel der