Beitrag 
Jean Paul im Verhältniß zur gegenwärtigen Romanliteratur.
Seite
81
Einzelbild herunterladen
 

Jean Paul im Verhältniß zur gegenwärtigen Romanliteratur.

Wir haben vor einigen Wochen den Wilhelm Meister vom künstlerischen Standpunkt unsrer Zeit aus betrachtet. Der Vergleich mit Jean Paul ist nicht uninteressant, da trotz des schreienden Widerspruchs seiner Dichtung gegen die Goethesche in den Lebensanschauungen der beiden Dichter manches gemein­sam ist und gleichmäßig den Resultaten unsrer gegenwärtigen sittlichen Bildung widerspricht. Da aber Jean Pauls Leben mit seiner Dichtung aufs innigste zusammenhängt, so ist es nöthig, auch auf das erstere einzugehen. Wenn die Resultate unsrer Untersuchung von der gewöhnlichen Meinung stark ab­weichen sollten, so möge man erwägen, daß Jean Paul zu den zahlreichen Dichtern gehört, über die man entweder blos nach Hörensagen oder höchstens nach der Erinnerung urtheilt, da man ihn gewöhnlich in einer Periode liest, wo bei einem gesunden Gemüth die kritische Neigung sich noch gar nicht ent­wickelt hat.

Jean Paul Friedrich Richter wurde -1763 in Wunsiedel geboren. Aber die reizende Gegend, in der er lebte, blieb ihm verschlossen: der Vater, ein würdiger Dorfpfarrer, hielt den Knaben zum fortwährenden Arbeiten an; sieben Stunden des Tages mußte er auswendig lernen, alles Mögliche bunt durcheinander, wie es der damalige Wissenstrieb mit sich brachte. Die Natur empfing er nicht aus unmittelbarer Anschauung, sondern nur aus der Sehn­sucht und aus der Beschreibung, und wer sich nicht durch den Schimmer der Farben verblenden läßt, wird in seinen späteren landschaftlichen Schilderungen leicht herauserkennen, daß ihm kein bestimmtes Bild, sondern nur eine un­klare Stimmung vorschwebte. Die Natur hat bei ihm nur Gefühle, keine Physiognomie.

Nicht ohne Anlage zur Empfindsamkeit und zur Schwärmerei, gehört sein Iugendleben doch ganz der Reflexion an. Dichter des Verstandes, Hippel und Rousseau, waren seine künstlerischen Vorbilder; der Werther ließ ihn kalt, und die Satire schien ihm die höchste Gattung der Poesie. Schon im 19. Jahr­hundert machte er Satiren, und unternahm es, das Leben zu verspotten, noch ehe er einen Blick ins Leben gethan.

Grenzboten. III. 18öü. 11