Zeitschriftenband 
Bd. 1 (1911)
Seite
176
Einzelbild herunterladen
 

176 Doutsch-Südwestafrika.

dem Entdecker im Südwesten des Weltteils nicht gestellt gewesen. Um so wichtiger und wesentlicher nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die praktische Kolonisation ist hier die genaue Untersuchung der natürlichen Lebens­bedingungen, von denen Pflanzen und Tiere und damit in letzter Linie auch der Mensch und seine Wirtschaftsweise abhängen. Eine Fülle wichtiger Tat­sachen ist bereits bekannt, mehr aber ist noch zu studieren, so daß man die Periode der Erforschung unserer Kolonie als im höheren Sinne jetzt erst be­ginnend bezeichnen darf. Die Behandlung der einzelnen Landschaften wird Gelegenheit geben, auf einige hierher gehörige Fragen kurz hinzuweisen.

l. Das Küstenland.

Der Anblick, den die Küste von Südwestafrika dem bietet, der sich ihr von der See aus nähert, ist ein höchst eigenartiger. Wer hier eine tropische Pflanzenwelt, ja wer auch nur eine tropische Wärme zu finden erwartet, würde bitter enttäuscht werden. Ode und eintönig dehnt sich der gelbe Strand, der jenseits der weißen Brandungslinie sichtbar wird, 1400 Icm weit von der Mündung des Oranjeflusses bis zum Kunene, nur an wenig Stellen durch eine hafenartig geschützte Wasserfläche unterbrochen. Der Eindruck des Un­zugänglichen, den schon die äußeren Linien der Küstenentwicklung in uns er­zeugen, wird indessen noch erheblich durch die furchtbare Pflanzenleere ver­stärkt, die wir ähnlich nur in anderen Wüstenlandschaften der Erde finden. Mit flacheren Strecken, ja mit felsigen Bildungen wechseln endlich auf weite Entfernungen Dünenwälle, die häufig genug wie ganze Sandgebirge den Weg in das Innere zu versperren scheinen. Und obwohl wir uns hier, zwischen dem 17. und dem 29. Parallelgrade, in einer Breite befinden, die derjenigen der feuchtheißen Landschaften zwischen dem Sululande und der Sambesi- mündnng auf der Ostseite des Kontinents entspricht, herrscht hier eine Tem­peratur, die selbst in den Mittagstunden höchst selten einmal eine dem Europäer lästige Höhe erreicht, und die gegen Morgen und Abend sich so weit erniedrigt, daß man sie dann geradezu mit der bei uns an einem naßkalten Herbsttage herrschenden Wärme vergleichen kann, ja, daß man bisweilen um diese Tages­zeit im Winter ein Feuer im Ofen als große Annehmlichkeit empfindet. Das Jahresmittel der Wärme an der Küste kommt zwar demjenigen von Mittel­italien ungefähr gleich, indessen ist die Durchschnittswärme desheißesten" Monats kaum größer als in Südwestdeutschland, die deskältesten" aber etwa mit der des Mai in unserer Heimat zu vergleichen. Außergewöhnliche Wärme­grade gelangen ausnahmsweise an verschiedenen Punkten der Küste zur Be­obachtung; sie sind aber lediglich als Folgeerscheinung eines föhnartigen Windes anznsehen, der bisweilen vom Innern nach dem Meere herabweht.

Auf die auffallenden Nebel dieses Landstreifens ist von allen Beobachtern aufmerksam gemacht worden. Trotz der furchtbaren Regenarmut, die man fast als Regenlosigkeit bezeichnen könnte, insofern keineswegs in jedem Jahre ein deutlich meßbarer Niederschlag zustande kommt, ist besonders in den Morgen- und Abendstunden die Bildung dichter Nebel eine so häufige Er­scheinung und zwar hauptsächlich im Winter, wo die Sonne nicht selten den ganzen Tag nicht zum Vorschein kommt, daß man sie als eine Charakter­eigentümlichkeit des Küstenlandes bezeichnen kann. Bisweilen verdichtet sich der dichte Schleier, der des Nachts über der llferlandschaft ruht, so sehr, daß