Fr. v. Keußler: Deutsche Abg. in der rnss. Reichsduma. — Die Deutschen in den vier größten finnländ. Städten fOo
Sie deuttcnen Abgeordneten in der ruttikben t-eicbsduma.
von Friedrich v. Reüssier in Petersburg.
Das russische Parlament besteht aus dem Reichsrat als erster und der Reichsduma als zweiter Kammer. Die Zahl der Mitglieder des Reichsrats beträgt 194. Die eine Hälfte wird vom Kaiser ernannt, die andere Hälfte wird von gewissen Bevölkerungsgrnppen gewählt, namentlich vom Adel, der orthodoxen Geistlichkeit, der Kaufmannschaft, den Universitäten usw. Du den beiden genannten Gruppen hat es seit Einführung der konstitutionellen Verfassung nicht wenige Deutsche gegeben. Denn einerseits ist das deutsche Element im Militär und in der hohen Beamtenwelt, aus welchen die Reichsratsmitglieder, auch als der Reichsrat vor seiner Umwandlung in eine politische Körperschaft nur eine beratende Behörde für die Gesetzgebung war, ernannt zu werden pflegten, nach wie vor verhältnismäßig stark vertreten, und was die Gruppe der gewählten Reichsratsmitglieder betrifft, so ist der Adel und zum großen Teil die Kaufmannschaft in den Vstseeprovinzen deutsch, daher deren Vertreter Deutsche sind.
weit ungünstiger liegen die Verhältnisse für die Reichsduma, zumal es unter den mehr denn 140 Mill. Bewohnern des Russischen Reiches nicht volle zwei Millionen Deutsche gibt, die sich im allgemeinen allerdings durch einen höheren Bildungsstand und größeren Wohlstand auszeichnen. Die Mitgliederzahl der Reichsduma beläuft sich gegenwärtig auf 442, und, von einigen Ausnahmen abgesehen, bestehen für sie die beschränkken und indirekten Wahlen. Das ursprüngliche Wahlgesetz ist derart beschaffen gewesen, daß die Vstseeprovinzen in die beiden ersten, nacheinander aufgelösten Reichs- dumen keinen einzigen deutschen Abgeordneten haben wählen können, und das ist ihnen erst nach dem modifizierten Wahlgesetz von: Jahre 1907 möglich geworden. Die in den Vstseeprovinzen von den Deutschen gegründeten „Konstitutionellen Parteien" (so heißen sie offiziell in Liv-, Lst- und Kurland) erstreben vor allem die Verwirklichung der im Manifest vom 17 . Vktober 1905 verhießenen Freiheiten, decken sich also im wesentlichen mit der über das ganze Reich verbreiteten Partei der „Vktobristen". Den baltischen „Konstitutionellen Parteien" gehören unter den Mitgliedern der am 1. November 1907 eröffneten dritten Reichsduma von den sechs Abgeordneten Livlands vier an, von den drei Abgeordneten Lstlands
zwei, von den gleichfalls drei Abgeordneten Kurlands nur einer; in der Reichsduma haben sie sich den Vktobristen angeschlossen. Die sieben baltischen deutschen Abgeordneten sind: für Livland: Alexander Baron v. Meyendorff (gegenwärtig zweiter Vizepräsident der Rcichsduma), Hans Baron v. Rosen, der Rigasche Stadtrat Dr. Robert Lrhardt (gewählt an Stelle des am 2. Dezember verstorbenen Rigaschen Abgeordneten Rechtsanwalts Erwin Moritz ss. „Deutsche Erde" 1907, 6. HefH) und das Pernausche Stadthaupt Vskar Brackmann; für Estland: Adolf Baron v. Schilling und der dim. Revaler Stadtrat Vtto Benecke; für Kurland: Hamilkar Baron v. Foelkersahm. von den fünf anderen baltischen Abgeordneten sind drei Letten, einer Este und einer Jude. Sie sind alle Mitglieder der fortschrittlichen Parteien, einer von ihnen, der zweite Rigasche Abgeordnete Dr.moä. A. preedkaln (Leite), ist Sozialdemokrat.
was die Deutschen im Innern des Reiches betrifft, so haben sie es bei allen drei Reichsdumawahlen vorwiegend mit den Vktobristen gehalten. In den beiden Hauptstädten St. Petersburg und Moskau besteht eine sog. „Deutsche Gruppe des Verbandes von: 17. (Oktober", welche bei den seither stattgehabten Wahlen, da ihre Mitgliederzahl für die Wahl eines eigenen Abgeordneten nicht ausreicht, die russischen Vktobristen mit Erfolg unterstützt hat, und dasselbe haben die Deutschen an vielen anderen Orten getan. Am wirksamsten haben sie im Süden Rußlands, wo es bekanntlich zahlreiche deutsche Ackerbaukolonien gibt, ihr Stimmrecht für die Vktobristen ausüben können, und hier sind schließlich für die dritte Reichsduma fünf deutsche oktobristische Abgeordnete gewählt worden: in Taurien (Krim) woldemar Faltz-Fein und Heinrich Galvas, im Guverne- ment Lhersson Ludwig Lütz, im Guveruement Iekatcri- nosslaw Hermann Bergmann und im Guvernement Ssamara Nikolai Rothcrmel.
Mithin gibt es in der gegenwärtigen Reichsduma im ganzen zwölf deutsche Abgeordnete. Das Mitgliederverzeichnis weist allerdings noch viele andere deutsche Namen auf, deren Träger selbst aber sich nicht zu den Deutschen zählen, wie der bekannte Abgeordnete aus Minsk Gust. Schmit, der russische Chauvinist Doppelmeyer, der „Kadet" Kühlewein usw.
Sie Seuttclien in den vien grössten sinnlandiscnen Städten.
^870 v. h. 1880 v.H. 18Y0 v.H. 1900 v.H.
Helsingfors 562 ---1,8 726 --1,7 818---1,2 709 --0,8
-^bo 79-- 0,4 107 -- 0,5 142-- 0,5 165 -- 0,4
Tammerfors 9 74--0,5 72--0,4 138 --0,4
wiborg 6 10--4,5 520 -- 3,5 520 -- 2,5 419 ---1,1
Danach betrug die Zunahme der Deutschen in Hel- singfors 1870—1900 nur 13,4 v. H. (gegen 469,1 v. H. der Finnen, 116,1 v. H. der Schweden), 1890—1900 nahn: sie sogar um 13,3 v. H. ab (gegen -s- 58,7 v. H. der Finnen, 32 ,s v. H. der Schweden), in ^bo war 1890 bis 1900 die Vermehrung mit 16,2 v. H. stärker als die schwedische mit 7,4 v.H. (die finnische betrug 47,3 v. H.), in T ammerfors verdoppelte sich 1890—1900 fast die
1) Keine Zahlung.
Zahl der Deutschen wie der Finnen 91,7 bzw. 91,4 v. H.), während die Schweden nur um 55,2 v. H. zunahmen. In wiborg scheint die Einschmelzung der Deutschen ins Schwedcntum unaufhaltsam weiter zu gehen. Der Rückgang betrug I670—1900 31,3 v. H., 1890—1900 immerhin noch 19,4 v.H. von den 1431 Deutschen der vier Städte waren nur 193 Kinder unter 15 Jahren (davon 84 in Helsingfors, wo auch deutsche Schule). 96,9 v. H. der D. konnten lesen und schreiben (von den Finnen nur 75,4, von den Schweden nur 86 ,e). Reichsdeutsche Staatsbürger wohnten in Helsingfors 317 , in Vbo 92, in Tammerfors 75 , in wiborg 97. „Iudendeutsch" sprachen in den genannten Orten 16 bzw. 29, 2, 161 (Nähe Rußlands!). (Bidreg till Finlands officielle Statistik VI.) e.
Deutsche Erde. 1908, 3. Heft