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Deutschkunde in: schöngeistigen Schrifttum.
Seutlclikunde im ktiöngeisttgen ScnplMum.
(D. d. --
Steievincrrk. „Die H uu gerglocke". Roman von Ludwig Mahuert. 2. Anst. 8", zo? 5. Duisburg t9l2, Dietrich u. Hermann.
Auch die D. Erde kann au dieser bedeutsamen Erscheinung, einem Roman aus der evangelischen Bewegung in der Steiermark, trotz ihres Standpunktes zwischen und über den Bekenntnissen, nicht vorübergehen wegen seines deutschkundlichen und deutschvölkischen Inhalts und Gehalts. Das Werk wird noch mehr von sich reden machen, ist nach Stoff und Anlage von geradezu dramatischer Wirkung, zur Dramatisierung förmlich herausfordernd. Reben der religiösen Bewegung und sie fördernd geht der völkische Kampf. Der Ansturm des westlichen Zweiges der Südslawen, der winden oder Slowenen, gegen die D., denen dieses Völkchen von knapp einer Million dankt, was es an Gesittung und Bildung gegen früher gewonnen, friedlich und zufrieden, ehe es durch seine Führer, in erster Reihe Priester und Advokaten, zu wildein Hasse aufgepeitscht worden, von Kram, das sie in ihre Gewalt bekommen, tragen sie die Sturmfahne ins Küstenland hinüber mit Hilfe ihrer kroatischen Brüder in Istrien, nordwärts über die Karawankenpässe in das anstoßende windische Landesviertcl von Körnten, vor allein aber in die südliche Steiermark, dem Deutschtum der Städte und Marktflecken dort, bis nach Marburg, das Grab zu graben.
Schauplatz des Romaus ist diese alte d. Stadt an der Drau und dem Fuße des Bachergebirges mit ihrer Umgebung, so deutlich bezeichnet (wenn auch der Raine nicht genannt ist) wie die Zeit der Handlung, das letzte Jahrzehnt, daß es naheliegt, auf wirkliche Ereignisse als Unterlage der Erzählung zu schließen. „Sie sind der letzte d. Priester hier. wir andern alle, vom Fürstbischof bis zum letzten Zögling der Theologie, mir alle sind Slowenen!" entgegnet der Vikar dem würdigen, alten Kanonikus Pfeifer, als der auf sein Ansinnen nicht eingehen will und ihm die Hetze seiner Landsleute und gerade der Priester eutgegenhält, durch welche man selbst ja die D. aus der Kirche hinaustreibe: „Über ^ooo haben wir in unserer Stadt schon verloren, und wie viele werden noch folgen?" Das tut auch der Werkführer Gswald, dessen Gestalt im Mittelpunkt des Romanes steht, ein kernhafter D. aus der oberen Steiermark, dessen Braut von dem slowenischen Priester der d. Domgemeinde, am Sterbebett der Mutter durch Drohen mit Verweigerung der Absolution, der Schwur, katholisch zu bleiben und ihr Verlöbnis zu lösen, abgepreßt wird, ein Schwur, den sie nicht halten könnte, der sie in den Tod treibt. Richt das ist es, was Gswald zum Bruch mit seiner Kirche bringt, er ist Gottsucher, tritt auch nicht kurzer Hand der evangelischen Gemeinde bei, erst später aus voller Überzeugung. Dentschbewußt ist Gswald von jeher gewesen. „Mit Groll sah er jedesmal die massigen Doppeltürme der (neuen) slowenischen Franziskancrkirche, zu deren Bau frommgutmütige d. Frauen die Backsteine hatten beitragen helfen, den schlanken Eisenturin des windischen Trutzhauses, des Rarodny Dom..." Er weiß, daß das nicht ohne eigene Schuld der D. so weit gekommen: „Langsam, aber ständig drangen die Slowenen mit Beamten, Dienstboten und Lehrlingen in die Stadt und machten sich unter dem Schutz der Regierung in-
Deutsch.)
folge der traumseligen Lässigkeit eines großen Teiles ihrer Bürgerschaft darin breit mit einer Glut und Gier, die ihn mit banger Sorge erfüllte. So hatten sie sich fest eingenistet in den lieben urd. Grt, indem sie bereits ein Sechstel der Bewohner ausmachten." Aus der Stadt führt der Roman auch in die anmutige Umgebung durch d. Grte der Sprachinsel und zu einem evangelischen Berggottesdienst in die Waldeinsamkeit des Bachergebirges, wo wieder windische angrenzen. Eingehender lehrt die Erzählung den Leser den Kampf der Sprachgrenze kennen in der hartumstrittenen ausgedehnten Gemeinde St. Lgidy in den „windischen Büheln" nördlich von Marburg, wohin zur Einweihung eines Rarodny Dom, unfern dem d. Hause, Hunderte von windischen Grüften mit ihren roten Hemden in einem Souderzug von Laibach kommen, „bedrohen unsere Volksgenossen und ziehen durch den Grt, als ob er ganz und gar windisch wäre". „Da müssen wir hin, um ihnen zu zeigen, daß wir auch noch da sindl" ist nun die d. Losung in den Rachbardörsern und in Marburg. „Da siedelt die ,Süd- mark^ alle Jahr schwäbische Bauern an, den Rorden von unserer Stadt wieder d. zu machen." So erleben wir mit Gswald und einem wackeren d. Mädchen, das den Bräutigam durch seine Entschlossenheit beschämt, wegen seiner völkischen Unzuverlässigkeit und'Feigheit sogar ausgibt, einen packend geschilderten Ausschnitt aus dem großen Kamps der Sprachen und der Völker, wie er sich neben dein stillen alltäglichen bei besonderen Anlässen mit bis zum Hasse gesteigerter Leidenschaft au den Grten, wo sie aneinander stoßen, immer wieder abspielt. Und wir freuen uns mit des Ausblickes auf die Zukunft: „Hinter dem, Südmarkhof-, eine halbe Stunde Weges, träumten die Höfe der schwäbischen Ansiedler..." Diese hier sind aus den: D. Reiche hereingerufen worden und nachgefolgt, kinderreiche Familien aus den Rebge- bieten um Heilbronn a. R. meist, während in und bei Mahrenberg, einen: vorgeschobenen d. Grte, ein paar Stunden oberhalb von Marburg a. d. Drau, „Schwaben" aus Slawonien angesiedelt worden sind — kleine, aber verheißungsvolle Anfänge.
In erster Reihe Slowene und dann noch lange nicht wirklicher Priester, hatte jener Domvikar sich nicht gescheut, in seiner Zeitung den evangelischen Geistlichen aus dein Reiche — „den Abstinenzler, den protestantischen pfaffl", wie ihn ein slowenischer Arbeiter nennt — auch politisch zu verdächtigen: „Dieser Pastor ist ein verkleideter preußischer Gfstzier, wie die andern auch, die ihre Regierung nach Gsterreich geschickt hat, damit sie ihr den weg zur Adria bahnen."
Zehn-, hundertmal soviel als bis jetzt Landwirte, Weinbauern in die Rebberge der „windischen Bühel", die d. Insel in und um Marburg wieder zu verbinden mit dem geschlossenen d. Sprachgebiet — und weiter hinunter im herrlichen Steirer Unterland I— Handwerker und Gewerbetreibende in die Städte und Märkte I — d. industrielle Unternehmungen bis zum Südmeer und Niederlassungen reichsd. Handelshäuser, Reedereien in den: Südhafcn des d. Volkes, der einstigen d. Buudesstadt Trieft, nicht zuletzt ein kräftiger Arm des großen d. Reisestroms in diese herrlichen Alpenvorland«: und ihre südlichen Seegestade I
Aorlsruhe. Dr. Wilhelm Gross.