Jahrgang 
12: 1913
Entstehung
Seite
28
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Karl Erich Gleye: Line Fernwirkung der Universität Dorpat.

Ane kei>nwli>kung den (InivenNtät Sonpat.

von Dr. Karl Erich Gleye in Dresden.

Als im Jahre t 9 G die in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts rnssifizierte und Inrjew um­benannte Universität Dorpat das hundertjährige Jubel­fest feierte, erschien ein umfangreiches Werk über ihre Geschichte in russischer Sprache. Ein Werk in deutscher Sprache, welches die Bedeutung dieser zuerst von Gustav Adolf, wenn auch nicht unter günstigen Auspizien, so doch aus sehr idealen Gründen, ins Leben gerufenen Hochschule für das Geistesleben der baltischen Lande, des weiten russischen Reiches und nicht zuletzt für die deutsche Wissenschaft im allgemeinen zur Darstellung brächte, ist leider noch nicht geschrieben worden. Im folgenden soll an eine Fernwirkung der Dorpater Hoch­schule auf den Grient in Kürze erinnert werden.

Friedrich Boden st edt erzählt in den Erinnerungen aus seinem Leben (Bd. I, Berlin ^ 888 , S. 296), daß er in Eriwan die Bekanntschaft eines hochgebildeten, mit europäischer Sitte vertrauten Armeniers, namens Gbowian, gemacht habe.Er hatte sich, mittellos und von regem Wissensdrang beseelt, früh dem geistlichen Beruf gewidmet und war Mönch im Kloster Ltschmi- adsin, als Hrof. Harrst aus Dorpat nach Armenien kam, um die bis dahin für unmöglich gehaltene Be­steigung des Großen Ararat zu versuchen, wozu ihn die Regierung mit großen Mitteln ausgerüstet hatte, was aber im Volke für ein sündhaftes Unternehmen galt, weshalb er keinen kundigen Führer finden konnte, bis der junge Gbowian sich bei ihm meldete, der den von der Geistlichkeit genährten Wahn nicht teilte, daß keines Menschen Fuß den Gipfel des heiligen Berges betreten dürfe, daraus Noahs Arche sich niedergelassen.

Um aber Harrot als Führer dienen zu können, mußte Gbowian erst aus dein Kloster befreit werden. Harrst fand Wohlgefallen an dem intelligenten jungen Mann, dessen Führung ihn: den Ruhn: verschaffte, der erste Be- steiger des Ararat (am 27. Sept. ^829) gewesen zu sein; er nahm Gbowian mit sich nach Dorpat und sorgte dort väterlich für seine weitere Ausbildung. Bei leichter Auffassungsgabe und unermüdlichem Fleiß erwarb sich der junge Armenier binnen drei Jahren nicht bloß eine gute Kenntnis der alten, sondern auch eine solche Be­herrschung der neuen Sprachen, daß er die schwierigste von allen, die deutsche, fehlerlos sprach und schrieb, ohne irgendwie den Fremdling zu verraten. Bach Vollendung seiner Studien kehrte er in die Heimat zurück, wo er bis zu seinen: frühen Tode mit bewunderungswürdigem Eifer für die Bildung und Aufklärung seiner Lands- lente gewirkt hat. Er hielt fortwährend zwanzig bis dreißig jugendliche Schüler um sich versammelt, mit welchen er meistens deutsch sprach, und sie hatten in der Tat so gute Fortschritte gemacht, daß wir uns ganz ge­läufig in unserer Muttersprache mit ihnen unterhalten

konnten, viele seiner Schüler haben später in Deutsch­land studiert und nach ihrer Heimkehr in Gbowians Geiste weitergewirkt, so daß auf ihn wesentlich alle Be­strebungen zurückzuführen sind, welche während der letzten Jahrzehnte eine ganz neue armenische Literatur unter- deutschem Einfluß ins Leben gerufen haben.

Zur Zeit meines Besuchs in Armenien gab es dort überhaupt noch keine sog. schöngeistige Literatur, außer in seltenen Übersetzungen aus fremden Sprachen, und diese Übersetzungen waren in: Ausland entstanden und gedruckt, meistens bei den Mechitaristen in Sau Lazaro bei Venedig. Der einzige des Deutschen kundige Ar­menier, den wir in seiner Heimat kennen lernten, war Gbowian, und der einzige Deutsche in Eriwan, mit den: er sich gelegentlich unterhalten konnte, war der Kom­mandant Gberft v. Kiel."

Bach Gbowian haben noch viele junge Armenier­in Dorpat studiert, u. a. auch der berühmte Lrforscher der armenischen Sprache und Geschichte, Hatkanianz (Hatkanow).

Nachdem einmal das Studium der deutschen Sprache in den Kreisen der russischen Armenier Eingang ge­funden hatte, fand man auch den weg nach den deut­schen Hochschulen, und vor allen: sind es Tübingen. Straß- burg und Jena gewesen, wo treffliche Kenner der Sprache und Geschichte Armeniens junge Armenier anzöge::. Das waren fast ausnahmslos aus den armenischen Gebieten Rußlands stammende, schon auf russischen Gymnasien oder im Hriesterseminar zu Etschmiadsin vorgebildete junge Armenier, von einer andern Seite konnte deutsche Wissenschaft und deutsche Kultur auf armenisches Geistes­leben Einfluß gewinnen, als die in: Jahre lio; in Konstantinopel von den: Armenier Mechitar da Petro gestiftete Kongregation armenischer Ehristen auch in Wien in: Jahre lGO eine Niederlassung gründete. Bei der Jahrhundertfeier dieser wiener Niederlassung der Kongregation in: Jahre lylo kau: der Anteil, den deut­sche Gelehrte an der Erforschung armenischer Sprache und Geschichte haben, deutlich zum Ausdruck. Daß in neuerer Zeit die deutsche evangelische Mission viel für die Bildung der armen kleinasiatischen Armenier und den Unterhalt und die Erziehung der nach den fürchter­lichen Metzeleien verwaisten Armenierkindcr getan hat, darf nicht vergessen werden. So ist es denn ganz natür­lich, daß neuerdings die kleinasiatischen Armenier, wo sie von der Neugestaltung der Verhältnisse in der Asiati­schen Türkei auch eine Besserung ihrer traurigen Lage erhoffen, sich mit einen: Rundschreiben auch an deutsche Gelehrte und deutsche Holitiker gewandt haben. Also auch hier hat das Deutschtun: die Aufgabe, das Erbe alter Überlieferungen zu wahren.