^ Wilhelm Rohmeder: Der Gebrauch deutscher Grtsnamen in Welschtirol und in den sprachlichen Grenzgebieten.
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Dr. Wilhelm Rohmeder in München.
Vorbemerkung. Heft z des dritten Jahrgangs der D. Erde (t9G) brachte einen Aufruf zur „Mitarbeit behufs Ermittelung noch heute gebräuchlicher deutscher Bamenformeu für Worte in fremden Sprachgebieten". Der im Anschluß hieran zwischen der Schriftleitung der D. Erde und mir geführte Briefwechsel ergab die Vereinbarung, daß ich die Bearbeitung eines Mrtsnameiwerzeichnisses „für die Gsthälfte der romanischen Alpen", genauer „zwischen der Ivestgrenze Eirols und dem Westufer des Gardasees bis zur österreichischen friaulischcn Grenze" übernehmen solle. Der übernommenen Aufgabe suchte ich dadurch zu entsprechen, daß ich zunächst im Jahrgang ;905 der D. Erde, S. tB—"6 und S. 2^2— 20 , den „deutschen Grts- namenwortschatz der Deutschfersentaler in Südtirol" veröffentlichte: ungefähr 700 Grtsnamen (im geographischen Sinne des Wortes), fast ausschließlich deutschen, nur einige wenige rätoromanischen Stammes. Ein Anhang „Aus der Bachbarschaft der Deutschfersentaler" verzeichnete die bei den letzteren noch in Gebrauch befindlichen deutschen Grtsnamen in den Bachbargegenden und sollte zum zweiten Teil der Gesamtarbeit hinüberleitcn, dem Persener Becken mit einen: Anhang für das „Lurgental" (d. i. untere Suganertal). Als weitere Teile sollten folgen: Die Hochebene zwischen Brint und Etsch, wozu ich im Jahrgang ^906 der D. Erde, S. t66ff., für St. Sebastian eine Skizze gegeben habe; dann ferner das Bonsland (mit Iudi- karien als Anhang), das Etschtal unterhalb Eichholz und Salurn, die ostladinischen Talschaften und schließlich die alten deutschen Sprachgebiete im Bordosten Italiens. Die einzelnen Teile sollten dann zu einem selbständigen Werk zusammengefaßt und durch ein in der Abcfolge zusammengestelltes Bamenverzeichnis zum praktischen Gebrauch für Schriftsteller, Landmesser, Kartenzeichner, Herausgeber von Reisehandbüchern, für die Tagespresse usw. geeignet gemacht werden.
So der planl Dessen Durchführung wurde bisher verhindert durch die Überladung mit praktischen (ver- waltungs-) Arbeiten, die dein Schutze bedrohten Deutschtums oder bedrohten deutschen Sprachguts dienten,, ebenso mit kleineren schriftstellerischen Arbeiten, die auf dem gleichen Gebiet der Betätigung aus dem Tagesbedürfnis heraus geboren waren.
Line erneute Anregung der Schriftleitnng veranlaßte mich, die folgende Übersicht für diese Zeitschrift zu fertigen. Dabei kam mir zustatten, daß ich seit etwa einem Vierteljahr-hundert mit den in Betracht kommenden Gegenden und Grtschaften ununterbrochen in Verbindung stehe und durch unausgesetzten brieflichen und in den meisten Grtschaften (alljährlich mehrmals wiederholten) persönlichen Verkehr mit den Grtsgeistlichen, Lehrern, Gemeindevorstehern, Gemeindeverwaltern und andern Persönlichkeiten reichlich Gelegenheit hatte und habe, bezüglich der in Rede stehenden Frage Aufschlüsse zu hören oder auf Befragen zu erhalten.
Die deutschen Ortsnamen in welschtirol und in den sprachlichen Grenzgebieten (wie überhaupt in ganz Tirol) lassen sich in drei große Gruppen (mit je mehreren Unterabteilungen) zusammenfassen, nämlich: H solche, welche von Anfang an dentsch waren, d. h. aus deutschen Wortstämmen und bzw. nach deutschen Personennamen gebildet worden sind (z. B. Gereut, Königsberg, Neumarkt, Noschtknott; Bertolden, Erspamer, Lanertal, persen); 2. solche, welche auf ladi- nische (rätoromanische) Wortstämme zurückzuführen sind (z. B. Eppan, Koschtsäben, Maleit, Neif); 3. solche, welche schon vor der römischen Eroberung vorhanden waren, also rätischen (illyrischen, etrnskischen, keltischen, ligurischen usw.) Ursprungs sind (z. B. pardatsch, Tagatsch, Trient, Salurn).
Die Namen der 2. und der 3. Gruppe wurden von den deutschen Eroberern oder Siedlern übernommen, der deutschen Aussprache und Begriffsbildung angepaßt, im Sinne der deutschen Lautgesetze umgebildet, also mehr oder weniger eingedeutscht. Die Ortsnamen lateinischen Ursprungs lernten die Deutschen nur in jener bereits umgestalteten (vulgären) Form kennen, welche man eben (wissenschaftlich) rätoromanisch oder (volkstümlich) ladinisch nennt.
I. Geschichtlicher Rückblick.
Ein bodenständiges Stalienertum gibt es in Tirol nicht. Die Anfänge der verwel- schnng deutscher Ortsnamen (durch Übersetzung, Umbildung nach den Lautgesetzen der italienischen Sprache, Weiter- oder Rückbildung ursprünglich lateinischer Stammformen, mißverständliche Verunstaltung usw.) reichen zurück bis znm Beginn der italienischen Einwanderung in die verschiedenen Landschaften Südtirols. Ein Überblick über die Geschichte der italienischen Einwanderung gibt deshalb zugleich einen Überblick über die Geschichte der Verdrängung deutscher Ortsnamen.