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von Wilhelm l^oltmedet'.
Die von dem vcrfassungsausschuß des Tiroler Landtags vorgeschlagene Abänderung der Landesordnung, der sogen, Nntonomiecntwurf, bebt die bisher in Theorie und j?raris festgehaltene „Landeseinheit" wieder auf. Dieselbe war das Ergebnis sowohl der geschichtlichen Entwicklung, als auch der natürlichen Verhältnisse des Landes, zugleich aber auch einer mit bewundernswerter Konsequenz, Iveisheit und Rraft durchgeführten, weitausschauenden Politik der „Grafen von Tirol" während eines halben Jahrtausends.
Nn ihre Stelle soll eine Dreiteilung des Landes nach sprachlichen Gesichtspunkten treten. Doch wird dieselbe nicht konsequent durchgeführt. Ein Land von der Ausdehnung Tirols mit einer Bevölkerung von 4/5 Millionen Bewohnern für die politische Verwaltung nach sprachlichen Gesichtspunkten abzuteilen, würde eben nur dann angängig sein, wenn die einzelnen Sprachgebiete durch natürliche Grenzen scharf voneinander geschieden wären oder wenigstens durch Jahrhunderte hindurch keine wesentlichen Verschiebungen erfahren hätten. Beides trifft für Tirol nicht zu. Eine natürliche Grenze zwischen Deutsch und Ladinisch bildet annähernd der Raunn des Mcndel- gebirges vom Gantkofel bis zur Salurner Rlause, sowie die Latemar- und Nosengarten-Gruppe gegen Fassa hin. Überall sonst aber, wo Deutsch an Ladinisch oder Italienisch, sowie Ladinisch an Italienisch je grenzte oder gegenwärtig grenzt, fehlen natürliche Grenzen. Deshalb gibt es auch kein zweites Land in Europa, in welchem innerhalb der letzten drei Jahrhunderte so zahlreiche, vielseitige und verschlungene Verschiebungen der Sprachgrenzen sich ergeben haben, wie in Tirol.
Lest steht seit ungefähr (00 Jahren nur die Grenze zwischen Deutsch und Ladinisch. Die Grenzen zwischen Ladinisch und Italienisch, besonders aber diejenigen zwischen Italienisch und Deutsch sind — im ganzen, wie im einzelnen — bis zum heutigen Tag in einer unausgesetzten Verschiebung begriffen.
Dasjenige tirolische Volkstum, welches nach der deutschen Landnahme vor sZOO fahren den breitesten Baum im Land einnahm, das räto-roiiranischc oder ladinische, ist heute der Zahl und Vusdehnung nach das geringste. In Nordtirol ist es vollständig im bajuwarischen und alemannischen Element aufgegangen, in Büttel- und Südtirol aber ist es gegenwärtig auf zwei Geltungsgebiete eingeengt: auf das ostladinische im Dolomitengebiet (die Täler Enneberg, Hayden, Buchenstein, Fassa und Gröden) und auf das westladinische oder Mendelgebiet (Nonsberg und Sulzberg). In Südtirol hat es den größer« Teil seines ehemaligen Bestandes aus Italienische verloren. Bus eine Charakterisierung der sieben ladinischen Mundarten in Tirol, alle unter sich verschieden, muß hier verzichtet werden.
Bei den Volkszählungen in Tirol werden die Ladiner und Italiener nicht gesondert gezählt. Die Zahl der Ladiner muß deshalb durch Berechnung festgestellt werden. Es ist dies für die fünf Täler im Dolomitengebiet leicht durchzuführen; sie beträgt hier (rund) sH jOO.
Meniger sicher läßt sich die Höhe des ladinischen Elements für die Bezirkshauptmannschaft Tles (Nonsberg und Sulzberg) mit den drei Gerichtsbezirken Tles, Fondo und Maleit (Male) ermitteln, da gegen Süden, d. i. gegen Zudikarien hin, ein allmählicher Übergang der beiden nons- ländischen Mundarten in die italienische Mundart Zudikariens (gleichfalls auf ladinischer Grundlage) stattfindet. Nuf annähernde Nichtigkeit dürfen indes folgende Ziffern Nnspruch machen: Gerichtsbezirk Tles fHOOO, Fondo ssOOO, Maleit s.IOOO, zusammen ^oOOO. Hierzu die ladinische Bevölkerung aus den fünf ostladinischen Tälern mit fs)jOO, gibt eine Gesamtzahl von 6^ sOO Ladinern.
t) Der plötzliche Schluß des Landtags am (7. Juli verhinderte die Beratung, und es ist nach der gegenwärtigen Lage der Dinge sehr unwahrscheinlich, daß diese Vorschläge je Gesetz werden. Immerhin verdienen sie insofern Beachtung, als hier der versuch gemacht wird, nationale Streitigkeiten durch Trennung der Sprachgebiete zu beseitigen. !v. B.
Deutsche Lide, I>>02, lieft.
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