514 Sektion IV: Die religiösen und kulturellen Verhältnisse der Kolonien.
Politiker und Ethnologen. Aber sie wohnen an der Küste, überall den Wohnsitzen der Europäer nahe; durch die Araber ist seit einem halben Jahrhundert ihre Sprache, das Kisuaheli, bis in die Region der grossen Seen, ja darüber hinaus getragen und ist ein Verständigungsmittel mit den innerafrikanischen Stämmen und Völkern geworden; als „Araber- Affen” in arabischer Kleidung, mit den Religionsgebräuchen der Araber, und sich mit Vorliebe selbst als Araber aufspielend, geniessen sie bei den Waschensi, den „Wilden“ des Innern, grosses Ansehen und treten ihnen als Kulturträger gegenüber. So liegt es allerdings für die Deutschen in der Kolonie, die Beamten, wie die Pflanzer und Kaufleute, nahe, sich des Suaheli zu bedienen und mit Hilfe dieses Mischdialektes die Kolonie zu beherrschen. Das Kisuaheli ist auf dem W'ege, die lingua franca Deutsch-Ostafrikas zu werden. Die Regierung braucht ein zahlreiches Personal von Unterbeamten, von Akiden usw., die Suaheli drängen sich dazu. Bei den Jumben des näheren Inlandes, in Usam- bara, Usaraino und den auf gleicher Höhe liegenden Landschaften, aber auch weiter landeinwärts längs der alten grossen Karawanenstrassen, gehört es bei den Häuptlingen zum guten Ton, ein paar „gebildete” Suaheli an ihrem Hofe zu haben, in ihren Dörfern primitive Moscheen und noch einfachere Schulen einzurichten, überall setzten sich die Suaheli als Träger des Islam fest.
Unglücklicherweise tragen wir selbst durch die Erschliessung des Hinterlandes von der Ostküste aus wider W illen zu diesem Vordringen des Islam von der Küste ins Innere nicht unwesentlich bei; der Missionar W'estgate in Mpuapua schreibt z. B. über den Eisenbahnbau Dar- essalain-Mrogoro: „Welche Wohltaten dieser Bahnbau schliesslich
den Völkern dieser Gegend bringen wird, ist jetzt noch nicht zu sagen; seine unmittelbaren Wirkungen aber, davon sind wir überzeugt, sind ihrer geistigen Entwickelung nicht günstig. Schon hat die Hochflut des Mohammedanismus von der Ostküste nach den afrikanischen Hinterländern eingesetzt, und mit jeder weiteren Entwickelung des Landes werden Scharen der intoleranten Jünger Mekkas kommen mit dem so versengenden, dörrenden Sirokko ihres Glaubens.“
Es sei gestattet, noch ein Votum des Missionars Dahl in Urambo, im Herzen Deutsch-Ostafrikas, anzuführen, um dem Umfang des Einflusses zu begrenzen, den das Suaheli bisher erlangt hat: „Es ist eine beliebte und recht bequeme Redewendung, das Kisuaheli sei die lingua franca von Deutsch-Ostafrika, die sich indessen mit der Wahrheit nicht deckt. Denn wer von den Bewohnern Innerafrikas nicht selbst längere Zeit an der Küste oder in engerem Verkehr mit Küstenleuten gewesen, kann jene lingua franca weder verstehen noch sprechen. Durch ferneres Kultivieren des Kisuaheli, dessen Sprach-