Periodicaltome 
Bd. 1 (1911)
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Entwicklung des Schutzgebietes seit der Besetzung. 3ZY

der Umstand, das; wohl an keiner anderen Stelle der chinesischen Küste ein so reiches Anschauungs­material in den vorhandenen Einrichtungen ge­geben ist. Die Anstalt zerfällt in eine Unterstufe nach Art einer Realschule mit Deutsch und Chine­sisch, Rechnen, Geographie, Physik, Botanik nsw. und einer Oberstufe mit einer rechtswissenschaftlich- staatswissenschaftlichen und einer naturwissen­schaftlich-technischen fsaknltät. Der Kursus an der Hochschule ist zunächst ans vier Jahre berechnet. Zweckentsprechend ist der chinesischen Regierung ein Einflns; ans diese Anstalt eingeränmt. Mit

der Anstalt ist ein Übersetznngsburean verbunden, dessen Tätigkeit allgemeinen wissenschaftlichen Zie­len, auch über die Bedürfnisse der Schulen hinaus dienen soll. Indem daS Reich diese Organisation dnrchführte, um dem modernen China deutsches Geistesleben und Wissen nahe zu bringen, hat es nicht nur einer vornehmen Pflicht gegen seine Schntzgenossen in Asien entsprochen, sondern auch den Boden zu einer weitreichenden Berständignng mit China bereitet, die sich sicherlich in den wirt­schaftlichen Beziehungen der beiden Völker be­tätigen wird.

6. Tätigkeit der Besatzungstruppen.

Die Tätigkeit der Besatzungstruppen bedarf noch be­sonderer Erwähnung. Diese ging besonders im Anfang weit über den Rahmen ihrer militärischen Bestimmung hinaus. Die Truppelk waren die Pioniere, die den nachkommenden Kolonisten den Weg vorbereiteten. Unmittelbar nach der Besitzergreifung galt es, für Europäer einigermaßen brauchbare Wohnungen aus den chinesischen Häusern zu machen. Dann waren Wege zu bessern oder neu anzulegen, Polizeiaufsicht zu üben u. dgl. m. Überall wurden unsere Truppen mit bestem Erfolg verwendet. Fast jeder einzelnen Behörde waren Soldaten als Hilfsarbeiter zugeteilt, bis allmäh­lich der Bedarf an Hilfskräften von der Heimat aus gedeckt wurde. Aber auch zur militärischen Betätigung fehlte die Gelegenheit nicht. Im Schutz­gebiete selbst war ein militärisches Einschreiten nie nötig, dagegen waren schon im Juni des Jahres 1899 gelegentlich des Bahnbaues in der Gegend von Kaumi, einer Stadt in der Einflußzone, Unruhen entstanden, die jedoch durch das schnelle und energische Vorgehen unserer Truppen im Keime erstickt wurden. Ende des Jahres 1899 und Anfang 1900 kamen dann Wiede? Schwierigkeiten mit der Bevölkerung anläßlich des Bahnbaues vor. Es wurde deshalb ein größeres Detachement nach Kiautschou verlegt, bis nach Vereinbarung mit dem chinesischen Gouvernement der Provinz Schantung Anfang März die Bahnbauten einen ungestörten Fortgang nehmen konnten.

Der grosso chinesi s ch e A n f stand brachte für das Schutzgebiet keinerlei Ruhestörung mit sich. Die Ursache hierfür mag einerseits die Anwesen­heit eines grösseren Trnppenkörpers in Tsingtau, anderseits aber vielleicht auch die Zufriedenheit der Chinesen mit der durchgehends gerechten Be­handlung durch die deutsche Regierung gewesen sein. Dagegen bot sich den Besatznngstrnppen mehrfach Gelegenheit zu ruhmreicher Betätigung. Bei Beginn der Unruhen in der Provinz Tschili war ans Regnisitiv» des deutschen Ge­sandten ein Detachement, bestehend ans einem Offizier, fünf Unteroffizieren und fünfnndvierzig Seesvldaten, nach Peking entsandt, das sich durch seine heldenmütige Verteidigung der deutschen Gesandtschaft unsterblichen Ruhm erworben hat. Zwei Kompanien des III. Seebataillons, die ans Requisition des Chefs des Krenzergeschwaders nach Tientsin entsandt waren, nahmen an den Kämpfen nin diese Stadt und an der Entsetzung des Sey- monrschen Expeditionskorps ruhmvollen Anteil. Aber auch im Hinterlando der Kolonie begann es inzwischen nnrnhig zu werden. Zunächst benutzten Räuberbanden die unruhigen Zeiten, »m ihr Handwerk dreister denn je auszniiben, dann aber schlossen sich diesen ein Teil der chinesischen Sol­

daten und die durch allerhand falsche Nachrichten von neuem verhetzte Bevölkerung an. Die Berg­werksbeamten und schliesslich auch die Bahn- beamtcn mussten sich »ach Kiautschou und Tsingtau zurückziehen, ebenso fast alle Missionare. Ein Detachement wurde wiederum nach Kiautschou vorgeschoben, um die dortigen Deutschen zu schützen und ein weiteres Vordringen der aufständischen Banden nach dem Schutzgebiet zu verhindern. Später wurde ein zweites Detachement nach Tsimo verlegt, nachdem in der Stühe des Schutz­gebietes Boxerbanden gesehen waren. Da der Ban der Bahn über Kiautschou hinaus unter den obwaltenden Verhältnissen nicht möglich war, wurde beschlossen, die Strecke Tsingtan-Kiaulschon unter dem Schutz deutscher Truppen nach Kräften zu fördern. Zn diesem Zwecke waren längs der Bnhntrasse nnsterhalb des Schutzgebietes kleine Detachements und Wachen stationiert. Ver­schiedentlich hatten diese mit Gesindel, mehrere Male auch mit organisierten Boxerbandcn Kümpfe zu bestehen, ebenso wurden die von Kiautschou entsandten Patrouillen häufig beschossen, überall aber ans das energischste abgewiesen. Eine ernste Bedrohung des Schutzgebietes selbst hat aber dank der militärischen Massnahmen nicht stattgefnnden.