6
verhältnismäßig' reichen Bevölkerung viel Ähnlichkeit mit dem mittleren Bulu-Land hat. Wie dort, auch hier die Fang- und Ntem-Bevöikerung in zahllose Unterstämme zersplittert, die ewig miteinander in Fehde leben und selten über ihre Bezirksgrenzen hinausgekommen sind. Beim Nahen des Europäers verschwindet zunächst alles im Busch : erst allmählich nach vielem Zureden pflegt ein Teil der männlichen Bevölkerung zurückzukehren. Verpflegung wurde willig geliefert; ihre Bezahlung erfolgte in Tauschwaren, da Geld noch unbekannt ist. Einer plumpen Verlogenheit begegnet jede Frage, auch dann, wenn ihr Gegenstand den Gefragten gar nicht berührt.
Wie bei den Ssanga-Stämmen sind auch hier die Ortschaften an den Schmalseiten durch befestigte Palaverhäuser abgeschlossen, im Gegensatz zu dort aber wesentlich kleiner, da sie meist in mehrere, räumlich voneinander entfernte Gruppen getrennt sind. Sauberkeit und Geschmack im Hüttenbau stechen angenehm von den primitiven Zuständen östlich des Iwindo ab.
Typisch sind bei Frauen und Männern die massiven und reich verzierten Halsringe, von den Eingeborenen aus dem im Handel bezogenen Messingdraht gefertigt; ihr Gewicht schwankt zwischen i und 2 kg. Einzelne weibliche Gigerls tragen deren auch zwei übereinander. Häufige Hautabschürfungen und offene Stellen sind die Folge, insbesondere beim weiblichen Teil, dem die Feldarbeit obliegt. Zum Umlegen dieses geschätzten und teuer bezahlten Schmuckes muß sich das .Opfer der Eitelkeit auf ein festes Lager strecken, und nun beginnt ein mehrstündiges Hämmern mit Steinen und Äxten, bis sich die Enden dieses bis 4 cm und mehr dicken Ringes einander berühren. Die Entfernung desselben Ringes — gleichviel ob zur Tilgung leichtsinniger Schulden oder infolge zunehmender Körperfülle — gehört auch nicht zu den Annehmlichkeiten; meist wird er auf der einen Seite mit kurzem Strick an einen Stamm festgebunden, während an einem längeren auf der entgegengesetzten Seite angebundenen Buschtau einige Dutzend Arme so lange wippen und ziehen, bis das in der Mitte pendelnde Opfer seinen Hals durch den entstehenden Spalt durchzwängen kann.
Unzählig sind die Gebilde des mit dem Kopfhaar fest verflochtenen Hauptschmuckes aus Perlen und Muscheln; alle Helmformen vom Mittel- alter bis zur Neuzeit scheinen hier als Muster gedient zu haben. Auch in diesem Schmuck bewährt sich der weibliche Teil am glänzendsten. Beginnt es sich im Laufe der Monate unter demselben zu regen, so wird oft eine besondere Medizin zur Ab
tötung der Plagegeister angewandt, ohne daß der kostbare und vielstiindiges Stillhalten erfordernde Putz zerstört werden muß. Gleich Sturmriemen findet man häufig noch zwei Perlenschnüre von Ohr zu Ohr durch die Nasenscheide gezogen.
Muschel- und Perlenschnüre um Hals und Hüften, sowie auch als Kopfbehang, und breite Messingmanschetten aus Draht geflochten an Arm- und Fußgelenken und sogar um den Biceps des Oberarmes vervollständigen den gefälligen Aufzug dieses tanz- und musikfrohen Volkes, den sie vielfach selbst bei der Farmenarbeit nicht missen mögen.
Der Dschua-Fluß.
Der Dschua-Fluß bildet vom Madjingo-Bogen bis zu seiner Mündung in den Iwindo bei Mvahdi die Südgrenze unseres dortigen Neugebietes, also seines Mittelstückes; auf seine Bedeutung für dessen Binnenverkehr und für die Möglichkeit, letzteren gegebenenfalls über Sembe an den Außenverkehr anzuschließen, ist bereits oben hingewiesen worden. Darüber hinaus hat aber der Dschua noch eine wesentliche Bedeutung für den gesamten Neuerwerb im Süden: er ist gewissermaßen die
immer gangbare Brücke von seine m W est- z u m O s t t e i 1 ; die nächste Querverbindung findet sich erst nördlich des 2. Breitengrades nahe der alten Grenze. Seinen Anschluß nach dem Ojem- Gebiet vermittelt der Iwindo-Fluß und der über Wu- lankum führende Landweg; nach der anderen Seite, wie bereits erwähnt, der Mbaje-Unterlauf und die Straße von Kakabeune nach Sembe.
Die Aufnahme des Flusses mit dem Kompaß ergab einige, aber nicht wesentliche Abweichungen von den bisherigen Kartenangaben, und zwar auf der Strecke, wo seine Verzweigung in mehrere Arme die Schiffahrt zur Änderung des Fahrweges zwingt, wenn der bisherige durch die Wirkungen der Regenzeit versperrt wird. Im ganzen scheint das für den Grenzverlauf in Frage kommende Ufergelände nicht besonders wertvoll. Von Madjingo bis über Viel 'hinaus überwiegen die anbaufähigen Uferstrecken auf der Südseite: weiter abwärts wechseln sie in
ziemlich gleichen Ausdehnungen derart ab, daß der Festlandstrecke des einen meist ein Überschwemmungsgebiet des anderen Ufers gegenüberliegt. Nur vereinzelt und auf kurze Strecken wird der Fluß beiderseits von gleich hohen Besiedelungsflächen begleitet. Unmittelbar am Fluß finden sich nur wenige Ortschaften; zahlreiche Anlegeplätze, Wege und versteckte Kanus deuten indes darauf hin, daß in nicht allzu großer Entfernung beiderseits noch weitere Ansiedelungen im Busch verstreut liegen.