Druckschrift 
Samoa, Bismarckarchipel und Neuguinea : drei deutsche Kolonien in der Südsee ; mit 36 Vollbildern, 113 im Text gedruckten Abb. u. 2 Kt. / von Ernst von Hesse-Wartegg
Entstehung
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Ein Nachtmarsch an der Südküste von Upoln.

drei Meter breiten Kanal einfuhren. Diesen bezeichneten sie mir als den Ausfluß des Sees. Ueber einen Kilometer fuhren wir durch diese enge Wasserstraße, zu beiden Seiten besetzt mit ungeheuren, düsteren, unheimlichen Mangroveriesen, deren vielfach verschlungene Wurzeln wie ein Gewoge von kämpfenden Riesenschlangen zu Tage liegen, schleimig, von nassem Schlamm bedeckt und übelriechend. Beinahe hätte ich in diesem Fieberloche die Geduld verloren und umkehren lassen, als der Bootsführer mich auf eine weite Wasserfläche zur Rechten aufmerksam machte, in die wir gleich darauf einfuhren. Wir befanden uns wie auf einem klaren Alpensee, etwa wie der Schwansee, mit ungemein klarem Wasser und steilen, dicht bewaldeten Ufern. Aus der spiegelglatten Flüche steigen hier zahlreiche kleine, reizende Felseninselchen empor, und zwischen ihnen durchführend, scheuchten wir Scharen von Wildenten auf. Merkwürdigerweise steht dort nirgends ein Dorf, und doch sind in Samoa nur wenige entzückendere Plätzchen zu finden als diese Lagune. Vielleicht wird sie noch zu einem samoanischen Arcachon, wenn einmal die Eisenbahn von Apia hierher vollendet ist. Aber ob das im zwanzigsten oder ein­undzwanzigsten Jahrhundert der Fall sein wird, möchte ich bezweifeln.

Ein Nachtmarsch an der Südküste von Upoln.

H^m Meeresstrande, unter schlanken, hohen Palmen und schattigen Brotfruchtbäumen ^H,einherwandernd, flogen meine Gedanken über die weite Wasserwüste des Stillen Ozeans nach den gesegneten Küsten des Goldlandes Kalifornien. Zu verschiedenen Zeiten war ich von Sän Francisco aus nach dem Golden Gate, nach Monterey und Sam Diego gepilgert, um dort die großartigen Naturschönheiten der Seeküsten zu genießen. Was hat der Unternehmungsgeist der Jankees aus Monterey gemacht! Der Park des Niesenhotels Del Monte ist ein irdisches Eden, und doch haben diese herrlichen Anlagen mit ihren seltenen Tropenbäumen, ihrer Blumenpracht, ihren schattigen Spaziergänger: und viele Kilometer langen Fahrstraßen verhältnismäßig nur geringes Geld gekostet, denn die Hauptsache, die malerischen Küsten, die bewaldeten Berge, das rauschende Meer mit seinen kühnen, wogenumbrandeten Klippen und die überaus üppige Natur waren ja vorhanden. Ungezählte Menschen erfreuen sich dieser Gestade und fühlen sich wie die Götter im Olymp.

Hier im fernen Deutsch-Samoa sind die Naturschönheiten noch in viel höherem Grade vorhanden, und doch ist an der Südküste niemand, um sie zu genießen. Was könnte aus diesem Safata, Lotofanga, Falealili und dergleichen alles gemacht werden, wenn man nur so leicht nach Samoa kommen könnte wie nach Norderney. Aber das Insel- paradies der Südsce liegt uns ja leider gerade entgegengesetzt auf der anderen Seite des Erdballes.