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Kap. VII. Kiautschou und Schantung.
Die bisherige Bedeutung von Kiautschou und Tschifu.
Wenden wir uns der Halbinsel spezieller zu, so ist es nach dem eben Gesagten einleuchtend, dass die Hafenplätze ihrer Ge- birgsküste dem Handel von Schantung unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur geringe Dienste leisten können. Seit alten Zeiten waren an der Südküste Kinkiakou und Kiautschou Haupt- Eingangsplätze, welche von den Schiffahrern des Südens, besonders denen von Ningpo, als den beständigen Vermittlern des grossen Küstenverkehrs, und denen von Swatau, welche Zucker und andere Waaren des Südens brachten, besucht wurden; und im Norden hatte während des sommerlichen Monsuns Töngtschoufu einige Bedeutung, obgleich dessen Rhede nur geringen Schutz bietet. Dazu kamen noch einige andere kleine Plätze an beiden Seiten der Halbinsel. Von allen diesen hat die Bai von Kiautschou den ersten Rang. Die Stadt ist alt und führt ihren Namen in Erinnerung an die Kiau-Barbaren 1 ), die einst das Land innehatten und im sechsten Jahrhundert v. Chr. unterjocht wurden. Die nach ihnen von den Chinesen Iviau-schang-köu genannte, jetzt als Kiautschou-Bai bekannte Meeresbucht ist jedenfalls in der Zeit, als noch das Land mit Wäldern bedeckt war, nicht so versandet gewesen wie jetzt. Aber schon früh dürfte der von Norden ein- miindende KiauhÖ einen Schuttkegel vorgeschoben und dann mit steigender Geschwindigkeit vergrössert haben, weil bei der zu-
Dies ist neuerlich bezweifelt worden, weil die Silbe Kiau in Kiautschou mit einem Zeichen geschrieben wird, welches neben der Bedeutung »stolz, hoch- iniithig« sonderbarer Weise in zwei nachweisbaren Fällen für eine Art von Leim gebraucht worden ist. Da ich die oben bezeichnete Ableitung des Namens früher ^Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, 189S, S. 71) als die einzige vertreten halte, glaubte ich den mir zugegangenen, von sinologischen Autoritäten stammenden Ausdrücken des Zweifels daran Raum geben zu sollen (^ebenda S. 130', obgleich mir ein Sinn in dem Ausdruck »Leimstadt« nicht zu liegen schien. Inzwischen ist mir von einer der chinesischen Sprache vollkommen mächtigen, durch langen Verkehr mit Schantung ruhmvoll bekannten Autorität die feste Versicherung gegeben worden, dass in der Silbe Kiau durchaus nur die Erinnerung an die gleichnamigen Barbaren fortlebt, dass jedoch diese Silbe phonetisch verschieden geschrieben worden ist, und das jetzt für sie angewandte Schriftzeichen nur zur Bezeichnung des Klanges gebraucht wird, der ihm zuweilen gegebene Sinn aber gar keine Rolle spielt.