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schreiben ihnen keine Vermehrung derselben vor; sie gestatten ihnen, sich auch am Christensonntag zu erfreuen; und sind ihrer Gemeinde Freund und Berater.
Die anglicanische Mission dagegen sucht die alten Sitten auszurotten und erstrebt dabei aus den fröhlichen, harmlosen Naturkindern steife Puppen, gehorsame Unterthanen, willige Werkzeuge zu machen — und zu herrschen. Sogar der natürlichste Schmuck, Blumen zu tragen, war den Mädchen nach dem Bericht der grossen amerikanischen Forschungsexpedition von den englischen Missionarenschon in den dreissiger Jahren verboten worden, (but the use of flowers as Ornaments has been interdicted by the [missio- nary teacliers)! Die meist verheirateten Missionare sind die Herren der Gemeinde, hochgeachtet und fast gefürchtet; ihr Einfluss ist bewunderungswürdig; und Manche von ihnen empfinden auch warmes Interesse für ihre Gemeinde - Mitglieder.
Den an sich edlen und besten Absichten der Mission entspricht nicht immer ihr Erfolg in moralischer und socialer Beziehung. Dagegen kann man ihnen in anderer Beziehung eine grosse Bedeutung nicht absprechen: Die Mission kann und soll einen Schutz
wall gegen die socialen Schäden bilden, die das samoa- nische Volk von aussen in Gestalt roher, minderwertiger Elemente bedrohen. Das ist eine schöne und grosse Aufgabe, eine christliche Kulturmission; denn von dieser Seite kommt das Verderben und weit unchristlicherer Einfluss als ihn die alten Sitten ausüben.
In wieweit die Mission durch geistig erzieherische Arbeit den Samoanern social und wirtschaftlich von Vorteil ist, lässt sich schwer sagen; immerhin ist ein Fortschritt auf dieser Seite zu wünschen mit Rücksicht auf die allgemeine Entwicklung des geistigen Lebens auf den Inseln und die natürliche Anlage der Samoaner, die rasch und gern lernen — solange es ihnen Vergnügen macht; als Arbeit ist ihnen auch das Lernen nicht angenehm.
„Sein — oder nicht sein“ das ist auch hier die Frage in Bezug auf alle unsere friedliche Kolonisationsarbeit gefährdenden Faktoren. Jetzt kann es nicht mehr heissen „hie deutsch, hie nichtdeutsch“, sondern „gutdeutsch“ ist die Parole; wer sich ihr widersetzt, missachtet die Obrigkeit, und muss die Folgen tragen. Jetzt handelt es sich nicht mehr um collidierende politische Interessenfragen, nicht mehr um Anerkennung der deutschen Herrschaft, sondern um rein praktische Verwaltungsfunctionen. England hat .auf Samoa verzichtet; die englische Mission hat national-politisch ihre Rechte verloren. Wird sie sich darein finden ? Wird sie dem Wunsch entsagen, dass es nicht für immer so bleiben möge? Das sind