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Samoa / von F. Reinecke
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Ein offenes Wort über die Missionen.

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Die Londoner Missionsgesellschaft hat gegenwärtig auf Samoa überhaupt etwa 170 ordinierte Geistliche und fast eben­soviel Hilfsgeistliche (teachers) in über 200 Gemeinden mit ungefähr 23 000 getauften Mitgliedern, wovon etwa 6500 als richtige Kirchen­mitglieder zu betrachten sind; die übrigen werden als Anhänger bezeichnet. Die Methodisten haben sechs Missionare, ungefähr 60 Teacher und etwa 6300 Anhänger, darunter annähernd 1800 richtige Mitglieder. Die Maristen sind durch ungefähr 20 Missio­nare, 10 weisse und etwa 30 samoanische Schwestern (toupou sa) und rund 100 eingeborene Lehrer vertreten und haben etwa 6600 Anhänger oder Mitglieder. Nach den englischen Missionsberichten bezw. den Angaben D. G. Kurzes*) beanspruchten um 1898 für sich: die Londoner Mission 34000 Samoaner (6500 Members und 27500 Anhänger), die Wesleyaner 8000, die Maristen 5000, also zusammen 47000, während nur 35000 Eingeborene überhaupt vorhanden waren, also 12000 in der Phantasie der Berichte schwebten. Das erinnert an die englischen Besitzansprüche (Seite 194) und fordert zu einer Kritik heraus. Eine solche Kritik religiöser Angelegen­heiten ist eine heikle Sache, die im Allgemeinen besser unterbleibt; aber hier ist sie geboten, da sie bereits vielfach öffentliche Discussion hervorgerufen hat, mit der Politik und Geschichte Samoas eng ver­knüpft und für die Zukunft Deutsch-Samoas von Bedeutung ist.

Dass jede Mission in gewisser Beziehung politisch eine Be­deutung hat, ist selbstverständlich und berechtigt; denn auch der Sendbote des Christentums besitzt ein irdisches Vaterland, nationales Empfinden und Liebe zur Heimat. Darum ist es a priori zweifel­los, dass die englischen Missionsgesellschaften, ebenso wie die französischen Maristen, den Samoanern, mindestens unbewusst mit ihrem ererbten nationalen Charakter und Beispiel, aber auch bewusst nach Gewohnheit, Erziehung und Ausbildung, als Repräsen­tanten ihrer Heimat entgegentraten. Das konnte und kann ihnen Niemand verargen, das thun auch unsere deutschen Missionare in unseren Kolonien, ja es wird von ihnen erwartet. Die Zahl deutscher Sendboten in fremden Kolonien ist nicht gross. Jeder Staat pflegt sich seine Schutzgenossen selbst zu erziehen und zu bekehren. Das trifft nun für Samoa nicht zu; denn hier haben Engländer, Ameri­kaner und Franzosen nur in der Konkurrenz schwere Arbeit voll­bracht und als Pathen bis zur Confirmation des Deutschtums gewacht. Dafür aber brauchen wir uns nicht verpflichtet zu fühlen; denn die Missionare als solche haben ihrem Zweck in idealem Sinne ge­dient und nach Gebühr auch den Lohn in Befriedigung durch edle

*)Samoa; das Land, die Leute, die Mission.