12
A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien.
Die ersten Anfänge der überseeischen Kolonisation.
Begleitwort zur Karte für 1486 auf Tafel /.
1. Die älteste Kolonialmacht ist Norwegen. Die kühnen Seefahrten der Normannen reichten bis Grönland und Nordamerika, aber nur die Färöer und Island wurden dauernd festgehalten. Island wurde seit 874 besiedelt und bildete einen Freistaat, der sich aber 1264, durch innere Kämpfe zerrüttet, freiwillig dem norwegischen König Magnus VI. unterwarf. 1380 kamen die Inseln mit Norwegen an Dänemark, bei dem sie bis zum heutigen Tage verblieben sind.
2. Der kühne seemännische Geist der alten Normannen vererbte sich auf ihre französischen Nachkommen. Als im 13. Jahrhundert die Italiener mit Hilfe des Kompasses den Atlantischen Ozean zu befahren anfingen, mögen wohl bald auch die Schiffer aus der Normandie, besonders von Dieppe, auf die hohe See hinaus gelockt worden sein, wenn man auch, trotz Bingers 1 ) neuestem Rettungsversuch, billig in Zweifel ziehen mag, daß sie zwischen 1364 und 1413 bis an die Goldküste von Oberguinea vorgedrungen seien und daselbst sogar Handelsniederlassungen gegründet haben. Denn von diesen Taten berichtet erst Villaut de Bellefonds im Jahre 1669, ohne seine Quellen zu nennen; und wenn die Archive von Dieppe darauf bezügliche Dokumente enthielten, so sind sie bei der Beschießung der Stadt im Jahre 1694 zugrunde gegangen 2 ). Immerhin ist es auffallend, daß der berühmte Lauren- tinische Portulan von 1351 3 ) die Umrisse Afrikas wenigstens annähernd richtig zeigt, wenn auch die große Einbuchtung von Guinea stark übertrieben ist. Auch die Azoren, Madeira und die Canarisehen Inseln erscheinen bereits auf den Seekarten des 14. Jahrhunderts; in den letzteren erkannte man die Insulae fortunatae der alten Schriftsteller wieder, und sie wurden bald ein Zielpunkt kolonisatorischer Bestrebungen. Schon ihr Wiederentdecker, der Genuese Lancelot Malocello, soll 1270 auf der nach ihm benannten Insel Lanzarote eine Burg erbaut haben, im 14. Jahrhundert sandten die Portugiesen Expeditionen dahin, und 1344 verlieh Papst Clemens VI. die Inselgruppe dem spanischen Grafen Don Luis de la Cerda, der aber
J ) L. G. Binger, Considerations sur la priorite des decouvertes maritimes sur la cöte occi- dentale d’Afrique au 13‘& m e et 14^ m e siöcles (Renseignements coloniaux du Comite de l’Afrique frnnf. 1900). Auch andere französische Kolonialhistoriker halten an der Legende fest; schon der Umstand, daß sie zur Zeit Colberts, d. h. in der Epoche, in der sich Frankreich anschickte, eine Kolonialmacht zu werden, zum erstenmal auftaucht, macht sie sehr verdächtig.
2 ) Mit Recht bemerkt Berlioux, der Biograph Andre Brites: »Die geschichtlichen Untersuchungen, die im Anschluß an diese Reise (d. h. die Reise Villauts an der Küste von Senegambien und Oberguinea, 1660/07) veröffentlicht wurden, hätten einer eingehenderen Prüfung unterworfen werden müssen. Es ist übrigens überraschend, daß in dieser Zeit niemand daran gedacht hat, die Archive von Dieppe, die damals noch nicht zerstört waren, zu benutzen.«
3 ) Reproduziert in S. Rüge, Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen. Berlin 1881. S. 25.