Einleitung.
1. Die Geschichte der Ausbreitung des abendländischen Kulturkreises zerfällt in zwei Perioden; der Wendepunkt ist der Tag, an dem Columbus in Guanahani zum erstenmal amerikanischen Boden betrat, der 12. Oktober 1492.
Die Geschichte der ersten Periode umfaßt nur diejenigen Völker, die sich zum abendländischen Kulturkreis zusammenschließen. Wir sind eitel genug, auch sie als »Weltgeschichte« zu bezeichnen, obwohl sie nur einen Bruchteil der Menschheit betrifft; in Wirklichkeit kann man in jener Zeit (Altertum und Mittelalter) von einer Weltgeschichte überhaupt nicht sprechen 1 ), denn die Kulturgruppen marschierten noch in getrennten Kolonnen. Erst in der zweiten Periode erweitert sich die Geschichte der europäischen Menschheit allmählich zur Weltgeschichte.
Zwischen beiden Perioden besteht aber, vom europäischen Standpunkt aus betrachtet, nur ein Unterschied dem Grade nach. Die Ausbreitung ist in der ersten binnenmeerisch und kontinental, in der zweiten ozeanisch und kontinental, aber Ausbreitung fand immer statt. Der Kampf ums Dasein, der alles Lebende beherrscht, ist ja im Grunde genommen nichts anderes als Kampf um den Baum. Das Ausbreitungsbedürfnis ist allen Völkern gemeinsam, aber bei Naturvölkern wirkt er stoßweise, bei außergewöhnlichen Veranlassungen, bei den Kulturvölkern aber mit nachhaltiger Kraft. Dieser Unterschied ist schon in der Tatsache begründet, daß sie dichter wohnen als die Naturvölker. Von der Bevölkerung der Alten Welt gehören ihnen gegenwärtig mindestens 84 Proz. an, von der Fläche aber nur 25 Proz. Ein gewisser Grad von Volksverdichtung geht schon dem kulturellen Aufschwung voran, denn Teilung der Arbeit schafft erst Kulturmöglichkeit; und anderseits: je intensiver die natürlichen Bedingungen ausgebeutet werden, desto höher steigt die Möglichkeit, auf kleinem Raum eine große Zahl zu ernähren. Der Jäger bedarf einer größeren Bodenfläche als der nomadische Viehzüchter, dieser einer größeren als der Ackerbauer, und noch mehr schränken Handel und Industrie das Raumminimum ein. Die größere Dichte der Kulturvölker im Vergleich zu den Naturvölkern beruht nicht darauf, daß bei jenen der Fortpflanzungstrieb stärker entwickelt oder die Geburtenhäufigkeit größer ist, sondern auf der geringeren Sterblichkeit, besonders im Kindesalter, und darauf,
J ) Das wird aus der Anordnung des Stoffes in Helmolts Weltgeschichte (Leipzig 1899 ff.) «•sichtlich. Ilelmolt faßt die Weltgeschichte als Geschichte der gesamten Menschheit auf und muß daher zu einer länderweisen Darstellung greifen. Auf diese Weise entstanden Geschichten, aber keine Geschichte.
A. Snpan, Entwicklung der europ. Kolonien.
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