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Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien : mit einem kolonialgeschichtlichen Atlas von 12 Karten und 40 Kärtchen im Text / von Alexander Supan
Entstehung
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Vorwort.

Wer meine früheren wissenschaftlichen Arbeiten kennt, wird vielleicht erstaunt sein, mir nun auf geschichtlichem Gebiet zu begegnen. Indes ist der Sprung nicht so groß, wie es anfangs scheinen mag. Die territorialen Ver­änderungen bilden einen wichtigen Teil des Inhalts des periodischen Sammel­werkes »Die Bevölkerung der Erde«, das ich seit 1891, zuerst im Verein mit Herrn Professor Hermann Wagner in Göttingen und seit 1899 allein heraus­gebe, und ich habe mich von Anfang an bemüht, die koloniale Bewegung, besonders in Afrika, eingehender zu behandeln, als es in den früheren Bänden üblich war. Der Eintritt des Deutschen Reiches in diese Bewegung erklärt es ja zur Genüge, daß wir Deutsche diesem Gegenstand jetzt ein erhöhtes Inter­esse zuwenden. Die Gewohnheit, die Dinge unter dem Gesichtspunkt der Ent­wicklung zu betrachten, führte mich aus der Gegenwart in die Vergangenheit, und da stieß ich auf eine fühlbare Lücke in der Literatur. Wir haben aus­führliche Geschichten einzelner Kolonialgebiete wie z. B. der Vereinigten Staaten, Indiens, afrikanischer Länder usw., wir besitzen ausgezeichnete Werke über die Geschichte der größeren Kolonialstaaten ich nenne nur Alfred Zimmermann, »Die europäischen Kolonien« (5 Bände, Berlin 1896 bis 1903), aber es fehlt eine allgemeine Geschichte der Kolonisation in chronologischer Reihenfolge und im weltgeschichtlichen Rahmen, wie sie vor nahezu einem Jahrhundert A. H. L. Heeren in seinem kleinen »Handbuch der Geschichte des europäischen Staatensystems und seiner Kolonien« (Göttingen 1809) flüchtig skizziert hat. Den anderen Verfassern allgemeiner weltgeschichtlicher Darstellungen lag dieser Gegenstand bisher fern, nur die allerwichtigsten Ereignisse findet man bei ihnen erwähnt. Auch das empfand ich als Mangel, daß der territorialen Entwicklung der Kolonien, der allmählichen Raumerfüllung, die den Geographen in erster Linie interessiert, viel weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird als der inneren Kolonialpolitik. Es ist meines Wissens noch nicht der Versuch unternommen worden, diese Entwicklung in