d) Aus den Berichten der Reisenden und Forscher. 273
Bunte Wälder im Meere bei den Palauinseln.*)
Nun waren wir auf dunkelblauem Wasser, aber vergebens blickte ich in die Tiefe, um die Beschaffenheit des Meeresbodens zu ergründen. Hier im Norden ist der breite, dem Außeurande des Riffes fast parallel laufende Hauptkanal zwischen 40 und 50 Faden tief. Bald jedoch wurde das Wasser wieder Heller; nicht plötzlich, sondern ganz allmälig ging das dunkle Jndigoblau der Mitte des Kanals über in Berlinerblau von wundervoller Durchsichtigkeit, dann in Himmelblau und Smaragdgrün, zum Beweise, daß da nicht, wie in den kleinen Seitenkanälen, die Wände des Riffes senkrecht aus der purpurnen Finsternis emporsteigen. Nun traten auch schon einzelne Korallenknollen deutlicher hervor, bald zierliche Baumgestalten nachahmend, bald kolossale Blöcke, enormen Kugeln oder großen Tischen vergleichbar. Zwischen den Tausenden von Zweigen, denen wie schimmernde Blüten und Früchte die einzelnen nun schon erkennbaren Polypen ansaßen, tummelten sich in lustigem Spiel zahllose kleine Fische in den buntesten Farben. Hier zog ein ganzer Schwärm der blaugebänderten Dascyllus-Arten einher, ein Papageifisch weidete mit seinen harten, einem Papageischnabel ähnlichen Kiefern die Korallen- blöcke ab, ein Aal wand sich in Schlangenwindungen am Boden einher. Aber die Polypen waren offenbar dies Spiel gewöhnt; denn keiner von ihnen zog seine Tentakel ein, die im Kreise um seinen beutegierigen Mund herumtasten — da plötzlich schießt ein ganzer Schwärm von kleinen und großen Fischen daher, wild durcheinander und offenbar in großer Angst. Gleich hinter ihnen kommt lüsternen Blicks ein Haifisch einher- geschwommen, er scheint kaum die Flossen zu bewegen, und doch schießt er so rasch vorbei! Und mit der plötzlichen Aufregung, die er am Grunde des Meeres hervorruft, ist nun auch das heitere Spiel der kleinen Fische, der ganze Wald blühender Bäume urplötzlich verschwunden — eine öde graue Fläche ruht der Meeresboden wie im Todesschlafe, und aus ihr strecken schmucklose Korallen ihre zackigen Arme empor, uns warnend vor der Gefahr, die sie eben noch unter dem bunten Kleide aller der prächtig gefärbten Tiere verbargen.
Tierleben auf den Palauinseln bei steigender Flut. 2)
Als ich erwachte, war auf dem Strande um mich her alles lebendig. Die Menschen freilich schliefen noch; aber die lebhaften Tiere tummelten sich schon wieder im erneuten Kampf um ihre Existenz. Da kriecht offenbar dieselbe riesig große Landkrabbe abermals an mir vorüber, die vorhin gegen das Riff zu geeilt war; ihre Jagdgründe hat das steigende Wasser schon zurückerobert, aber sie scheint zufrieden zu sein mit der
1) Semper: „Die Palau-Jnseln", S. 124.
2) Semper: „Die Palauinseln", S. 162.
Seidel, Koloniales Lesebuch. 2. Aufl.
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