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Kolonialgeschichte / von Dietrich Schäfer
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Das Anwachsen der russischen Macht. 143

sich vielfach mit den englischen, wie denn beide Mächte in kolonialen Fragen weit häufigere und schärfere Span­nungen unter einander gehabt haben als mit Deutsch­land. Als der Franzose Marchand im Sommer 1898 Faschoda am oberen Nil (5 Grad südlich von Chartum) besetzte, zwangen ihn Englands Drohungen, den Platz und das Nilgebiet zu räumen. Eine feste Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären im Nigergebiet und im Sudan ist bis auf den heutigen Tag nicht erfolgt. Auch im südöstlichen Asien macht sich die Rivalität der beiden Völker fühlbar; eine Lage, der des 18. Jahr­hunderts vergleichbar, ist vorhanden oder bereitet sich vor. Bei einem Zusammenstoße würde der Kampf um Afrika wohl die Hauptrolle spielen. Jedenfalls hat Afrika in den kolonialen Fragen der Gegenwart eine Bedeutung gewonnen wie nie zuvor.

52. Das Anwachsen der russischen Macht.

Der größte und volkreichste europäische Staat hat an überseeischen Kolonisationsbemühungen bislang keinerlei Anteil genommen. Doch hat Rußland, nachdem es am balti­schen und schwarzen Meer Fuß gefaßt hatte, bald das Be­streben gezeigt, auch einen allezeit brauchbaren Zugang zum Ozean, zum Atlantischen und Mittelmeer, zu gewinnen. In letzterer Richtung galt es zugleich, eine alte national­religiöse Mission des russischen Volkes, die Vertreibung des Islam aus Konstantinopel, zu erfüllen. Der für Rußland nicht allzu befriedigende Ausgang des türkischen Krieges von 1877/78 hat dieses Bestreben etwas zurück­gedrängt. Man hat sich in eine andere Bahn geworfen, die schon im 16. Jahrhundert betreten worden war, der Ausbreitung nach Osten und Südosten. Und in dieser