Kapitel III.
Die kolonialpolitischen Anschauungen des Fürsten Bismarck.
Als Fürst Bismarck die deutsche Kolonialpolitik in Angriff nahm, hatte er sich auf Grund seiner eigenen Studien und der Berichte seines Dezernenten in überseeischen Angelegenheiten, v. Kusserow, sowie der Unterredungen, die er wiederholt mit Hamburger Kausleuten pflegte^), seine Ansichten über Kolonialpolitik gebildet und sich einen Plan gemacht, nach welchem er deutsche Kolonialpolitik zu treiben gedachte. Der Kanzler hat jedoch ein kolonialpolitisches Programm niemals im Zusammenhange dargelegt, vielmehr ist es notwendig, sich seine Ansichten aus den vielen und bedeutenden kolonialpolitischen Reden, die er im Laufe der Jahre seit den Anfängen der deutschen Kolonialpolitik im Reichstage gehalten hat, und aus gelegentlichen kürzeren Bemerkungen zusammenzustellen.
Bismarck will den Begriff „Kolonie" nicht zu eng gefaßt sehen. Nach seiner Anschauung braucht man nicht alles, was „Kolonie" genannt wird, mit Ackerbau in Verbindung zu bringen und eine Ackerbaukolonie zu nennen; es „können darunter auch Plantagenkolonien mit fremden Arbeitern verstanden werden" Denn bei der Kolonialpolitik, welche Deutschlaud in Afrika treiben würde, könnte von einem Ackerbau zunächst so gut wie nicht die Rede sein, sondern einstweilen nur von Handeltreibenden. Eine genaue spezialisierte Begriffseinteilung nach dem wirtschaftlichen Charakter der einzelnen Kolonien hat der Fürst aber nie gegeben; es ist dies vielleicht darauf zurückzuführen, daß er sich mit akademisch-theoretischen Erörterungen auf diesem Gebiete nicht allzuviel beschäftigt, sondern sich seine
Vgl. Kap. I, S. 33. ^) Vgl. Neichswgsrede vom 1«. März 1885 (Ausgabe von Horst Kohl, Bd. XI, S. 139).