112 D. Dtin. in Übersee. — Weltstllg. d. n. Deutsch. Reiches
interessiert. Es gibt heute kaum ein Auslandgebiet, das nicht in den Kreis deutscher Wirtschaftsbetätigung hineingezogen wäre. Nach Lage der Dinge ergäben sich also für das Deutsche Reich zwei Möglichkeiten: eine Politik der Eroberung und des Zugreifens, wie sie gelegentlich von nichtverantwortlicher Stelle aus empfohlen ist, oder aber: eine Politik der friedlichen Erschließung und Sicherung derjenigen Märkte, die uns die Handelspolitik einer anderen Kulturmacht zollpolitisch nicht zu versperren vermag. Der Kreis der überseeischen Länder, die nicht, oder noch nicht unter fremder Vorherrschaft stehen, verringert sich zusehends. Um Persien ist längst der Streit zwischen England und Rußland entbrannt. Die politische Vorherrschaft über Marokko ist Frankreich ausgeliefert. Nach Tripolis hat Italien hinübergegriffen. Was das Deutsche Reich begehrt, ist die offene Tür für den internationalen Handel in allen diesen Gebieten. Dieser Gesichtspunkt hat die deutsche Marokkopolitik geleitet, die nur zu hindern bemüht war, daß Frankreich mit der politischen Macht ein Handelsmonopol an sich reiße. In Marokko ist vertragsmäßig die offene Tür gewahrt. Es bleibt abzuwarten, wieweit die Abmachung Kraft gewinnt. Auch Ägypten darf uns nicht verschlossen werden, ebensowenig wie Persien oder der nahe und der ferne Orient. Neuerdings mehren sich die Widerstünde, die der friedlichen Ausdehnung des deutschen Handels entgegentreten. Es ist » die Rückwirkung der erstaunlichen Entwickelung, die die deutsche Wirtschaftsmacht in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat.
Die Weltstellung des neuen Deutschen Reiches.
Als 1871 das Reich in klirrender Kriegsrüstung ins Leben trat, da hatte zu dem, was als Erbteil unserer Väter uns überkommen war, ein neues sich gesellt, das eine größere Zukunft verhieß. Der alte Fluch der Deutschen, die staatliche Zersplitterung, war endlich für die Mehrzahl der deutschen Stämme überwunden. Ein starker deutscher Einheitsstaat war geschaffen, der daheim und draußen seinen Bürgern Schutz gewähren sollte. Die im Reich politisch geeinten deutschen Stämme waren unbestritten die erste Landmacht in Europa geworden. Die Welt besorgte eine verwegene Eroberungspolitik von deutscher Seite. Aber das deutsche Volk trat in friedlichen Wettbewerb mit den anderen Nationen. Über alles Erwarten glänzend war das Ergebnis. Es ist -ein handgreiflicher Irrtum, daß der Aufstieg nur in der Bismarckschen