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Das Deutschtum im Ausland vor dem Weltkrieg / von Robert Hoeniger
Entstehung
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Das Deutschtum in Übersee

den Pläne der Gründung eigener deutscher Kolonien und des Baues einer deutschen Flotte war die Zeit noch nicht gekommen. Erst die glück­liche nationale Wiedergeburt unseres Vaterlandes hat sür die praktische Teilnahme der Reichsdeutschen an überseeischen Unternehmungen und für deren Beurteilung daheim einen gründlichen Wandel eingeleitet. Freilich die Richtung des reichsdeutschen Auswanderungszuges ist auch heute noch nicht wesentlich verändert. Noch immer gehen gegen 90 v. H. unserer Auswanderer nach den Vereinigten Staaten. Allerdings hat die Zahl selbst sich stark verringert. Im letzten Jahrzehnt sind im Jahres­durchschnitt nur noch gegen 30000 Reichsdeutsche über deutsche und fremde Häfen nach Übersee befördert worden. Von sachkundiger Seite, von der Berliner Zentralstelle für Auswanderer, wird die Ansicht ver­treten, daß der heutige deutsche Zuzug nach den Vereinigten Staaten überwiegend durch verwandtschaftliche Beziehungen bestimmt sei und darum fürs erste durch den Hinweis auf andere Ziele nicht wesent­lich abgelenkt werden könne. Die Union nimmt also noch heute den größten Teil unserer Auswanderer auf, aber nicht auch den nach seinen Hilfsmitteln wertvollsten. Nach der Union gehen heute vom Reich aus der Mehrzahl nckch Industriearbeiter. Wer als Pflanzer, als Far­mer und Viehzüchter eine neue Stätte der Wirksamkeit sucht, der wendet sich in unsere eigenen Kolonien oder nach Südamerika, und in alle Weiten strebt eine deutsche Eliteauswanderuug, die trotz ihres ziffernmäßig geringen Umfanges eine deutlich wahrnehmbare Einwir­kung auf die wachsenden Weltbeziehungen des Deutschen Reiches aus­übt.

Vereinigte Staaten von Amerika. Es sind widerspruchsvolle Empfindungen, die den Deutschen erfassen, wenn er seines Volkstums in Nordamerika gedenkt. Unzweifelhaft hat auch dort drüben das deut­sche Element rühmlich sich bewährt, hat ein gut Teil beigetragen zu der stolzen Entwickelung des großen Gemeinwesens. Man schätzt den deut­schen Zuzug in den Vereinigten Staaten auf*/» der europäischen Gesamteinwanderung. Wären diese Deutschen samt ihren Nachkommen deutsch geblieben, so müßte man heute 2530 Millionen Deutscher drüben zählen. Es ist fraglich, ob nur halb soviel Deutschsprachige dort leben. Schätzungsweise wird die Ziffer auf 12 Millionen angegeben. Unter allen Umständen ist also Nordamerika ein Massengrab deutschen Volkstums geworden wie kein anderes Gebiet.