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Das Deutschtum im Ausland vor dem Weltkrieg / von Robert Hoeniger
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52 Das Deutschtum in der Zerstreuung. Deutsche Diaspora in Europa

mit der Treue gegen ihr Volkstum ohne inneren Widerspruch zu ver­binden wissen, verdienen alle ungarländischen Deutschen. Der ungarische Staat schafft sich nur selbst eine wertvolle Stütze, wenn er zu dieser Auf­fassung sich durchringt. Aus solchen nüchternen Erwägungen darf man die Erwartung schöpfen, daß auch an dieser Stelle das Deutschtum zu seinem Rechte kommen und sich erfolgreich in seiner Eigenart behaupten wird.

Rußland. Das europäische Rußland beherbergte nach der Volks­zählung vom Jahre 1897: 1719000 Deutsche. Das ist bei einer Ge- samtbevölkerung von 103 Millionen ein recht kleiner Bruchteil (1,6 v. H. der Gesamtbevölkerung). Aber auch hier ragt die Beschaffenheit dieser Deutschen so weit über den Durchschnitt der russischen Staats­angehörigen hinaus, daß sie kulturell ganz erheblich ins Gewicht fallen.

In den russischen Ostseeprovinzen reicht die deutsche Einwanderung bis in das letzte Drittel des 12. Jahrhunderts zurück. Hansische Schiffe haben wagemutige deutsche Kaufleute an die Küste Livlands getragen. Deutsche Missionare folgten auf dem gleichen Wege, und der Ritter­orden der Schwertbrüder hat im 13. Jahrhundert dem Deutschtum in Estland, Livland und Kurland die politische Herrschaft erkämpft. So­weit sind es dieselben Kräfte, die in den großen Tagen der mittel­alterlichen Kolonisation dem Deutschtum neuen Raum gewannen. Nur der deutsche Bauer hat den Weg an die ferne baltische Küste nicht ge­funden. Was dort aufblühte, hat Lamprecht als dieerste deutsche Über­see-Kolonie" bezeichnet, und nur auf Landwegen ist der mittelalterliche Bauer in die Ferne gezogen. Man hat die deutschen Balten mit den Siebenbürger Sachsen verglichen. Und es sind im Nordosten weit vorgeschobene Posten tüchtigen Deutschtums genau wie im Südosten das Sachsenvolk Siebenbürgens. Nur daß dem baltischen Deutschtum die sichere Grundlage eines deutschen Bauernstandes abgeht. Reiche deutsche Städte Riga, Reval, Dorpat, Mitau sind dort erstanden. Deutsche Burgen und Schlösser blicken stolz ins Land. Die städtische Intelligenz ist deutsch und der Großgrundbesitz ist in deutschen Händen. Ein selbstbewußtes Herrengeschlecht, haben diese Deutschen die breite lettische und estische Unterschicht zur Arbeit erzogen, sie aus tiefer Un­kultur zu menschenwürdigem Dasein erhoben, aber ihre Eindeutschung begehrten sie nicht. Nur für sich und die eigenen Nachfahren haben sie ihre hohen völkischen Güter festgehalten. Seit 1710 steht Liv- und Estland, seit 1795 Kurland unter russischer Staatshoheit. Dem