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6. Die Mission.
Neben den durch wirtschaftliche Unternehmungen zu lösenden koloni- sationstechnischen und den durch staatliche Thätigkeit zu lösenden kolonialpolitischen Aufgaben legt uns der Erwerb der Kolonien noch eine dritte Pflicht auf, die der Bekehrung der uns unterworfenen Eingeborenen zum Christenthum. Ist diese letztere doch dasjenige ethische Moment gewesen, aus dem in den ersten Jahrhunderten der modernen Kolonisation die romanischen Völker die innere Berechtigung zur Besitzergreifung überseeischer Länder und zur Unterwerfung ihrer Bewohner herleiteten. Wenn wir allerdings in der Gegenwart auch auf dem Standpunkt stehen, daß die Absicht und die Fähigkeit, einen Theil des Erdbodens besser auszunutzen, als es seine bisherigen Bewohner gethan, an und für sich schon dem Kulturvolk ein Anrecht auf den Erwerb solcher Länder giebt, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß in Bezug auf die Unterwerfung der Bewohner jener alte Rechtfertigungsgrnnd auch jetzt noch bis zu einem gewissen Grade gilt. Nur fassen wir die uns damit auferlegte Aufgabe nicht so engherzig auf, wie die Spanier und Portugiesen im Mittelalter es thaten. Einerseits wollen wir nicht mit roher Gewalt die unzivilisirten Völker zur Bekennung des Christenthums zwingen, andererseits begnügen wir uns mit der äußerlichen Angewöhnung zu christlichen Gebräuchen nicht, sondern wir suchen in den Eingeborenen vor allem edlere, sittlichere Anschauungen zu wecken und sie dadurch zur Achtung der P? ffchenwürde und zu einem friedlichen, sittlich geregelten Verkehr untereinander zu führen. An der Lösung dieser Aufgabe sollen in gleicher Weise die privaten Unternehmer, der Staat und die kirchliche Mission mitwirken. Erstere durch Erziehung der Eingeborenen zur Arbeit und durch wohlwollende aber strenge Behandlung bei derselben, der Staat durch gewaltsame Niederwerfung von Friedensstörern, insbesondere durch Unterdrückung des schmachvollen Menschenraubs, durch Schaffung einer geordneten Verwaltung und durch zwangsweises Anhalten der Eingeborenen zu produktiver Thätigkeit, die Mission durch Erziehung der Eingeborenen zu Christen.
Denn mag man sagen, was man will, ein and"res Ziel wie dieses kann sich die christliche Mission als solche nicht stecken. Es ist ja in jüngster Zeit viel darüber gestritten, ob das Princip der katholischen Mission, welche ihre Zöglinge außer in den Lehren des Christenthums auch in allerhand nützlichen Arbeiten, landwirthschaftlichen und gewerblichen, unterweist, oder das der protestantischen erfolgreicher sei, welche von diesem praktischen Unterricht häufig — wenn auch durchaus nicht immer — absieht. Die Vertheidiger des ersten Prinzips haben sich oft einerseits durch die prächtigen Anlagen der katholischen Mission in Bagamopo und durch die guten Resultate, die diese mit der Heranbildung von Handwerkern und Gärtnern erzielt hat, andererseits durch die oft bemerkte Verzichung englischer Missionszöglinge zu arbeitsscheuen und hochmüthigen Individuen zu einem absprechenden Urtheil über die evangelische Mission überhaupt verleiten lassen. Dabei hat man aber ganz übersehen, daß Erziehung zu wirtschaftlicher Thätigkeit streng genommen mit den Aufgaben der christlichen Mission gar nichts zu thun