104
Niedrigtvasser
Es gibt zwei Dinge, die einen Menschen, der anf dem Meere segelt, zur Verzweiflung bringen können. Das eine ist eine Flaute, oder volkstümlich ausgedrückt Windstille, und das andere ein Festkommen mit dem Fahrzeug bei Niedrig- wasser (Ebbe) mit fallender Tendenz. Ich kann von beiden ein Lied singen, ein recht langes Klagelied sogar, und dieses Lied hat so viel Verse, wie ich durch Flaute oder fallendes Wasser verursachte Unglücksfahrten zwischen Tanga und meiner Pflanzung hin oder her gemacht habe. Die bösen Flauten habe ich am allermeisten gespürt, wenn ich in einer meiner großen und schweren Dhans saß, die keine Möglichkeiten zum Rudern hatten. „Auf der Dhau, da sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß," hätte ich da singen können. Aber znm Singen hatte ich meistens keine Lust, denn bei Flauten pflegt man in der Regel wütend zu sein. Zwei und eine halbe Stunde brauchte ich, um mit einer gut segelnden Dhau den Weg zwischen meiner Pflanzung und Tanga zurückzulegen. Kam aber eine Flaute, so warf sie meine ganze Berechnung über den Haufen. Einmal habe ich zu der genannten Strecke vierundzwanzig, ein anderes Mal siebenundzwanzig Stunden gebraucht. Und anf allerhöchstens fünf Stunden waren die Vorräte an Essen und Trinken berechnet. Ähnlich hohe Zahlen habe ich mit Dhans noch öfter erreicht. Aber es wächst der Mensch mit seinen Zwecken. Aus diesem Grunde und, weil ich das nutzlose und widrige Um- hertreiben auf dem Wasser bei Flauten gründlich satt hatte, schaffte ich mir eine flotte Gig an, die ich „Karin" nannte, und die ausgezeichnet segelte. Mangelte es mir einmal an Wind, so wurde einfach gerudert, und man kam so immer sicher an. Sicher ja. Aber wann... ? Es gab ja doch auch