Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1916) Österreich-Ungarn, Balkan, Orient
Entstehung
Seite
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17. In der Zips.

Schon im hunfalvy-Schutzhause unterhalb des polnischen Kammes war es uns eine Freude, an mehreren Tischen neben uns Deutsch reden zu hören- auch die Kellnerin im Hause begrüßte uns in unserer Muttersprache. In Schmecks sind die Verhältnisse die gleichen. Nlle Ortsbewohner reden Deutsch, und wenn man dazwischen auch viel Magyarisch hört, so gehen wir nicht fehl, wenn wir die Redenden jedesmal als Fremde ansehen. Mir sind nämlich hier, mit dem überschreiten der hohen Tatra und nach dem Uustritt aus Galizien, in eine der interessantesten, deutschen Sprachinseln Ungarns, in die vielgenannte Zipser Landschaft, eingetreten.

Das heutige Zipser Komitat liegt unmittelbar am Südabhange der Kar­pathen und insbesondere der hohen Tatra, von denen ein Teil noch der Land­schaft zufällt. Im Norden grenzt es an Galizien, im Westen an das hier vorspringende galizische Tatraviereck und an das Liptauer Komitat, im Süden an Gömö- und Nlbany-Torma und im Osten an das Komitat Saros. Nicht nur die gewaltigen Bergmassen der hohen Tatra in ihrer östlichen Fortsetzung füllen einen großen Teil des Zipser Landes, sondern auch das Zipser und Lip­tauer Gebirge und die Niederen Karpathen liegen zum großen Teil noch in seinem Gebiete. Der Poprad, der zum Dunajek und zur Weichsel geht, und der hernad mit der Göllnitz als rechter Nebenfluß der Theiß sind die Haupt­wasseradern des Landes. Besonders in der hochgelegenen Ebene von Poprad, die wir schon bei unserem Nbstieg von der Tatra überschauten, liegt der wichtigste und bewohnteste Gau des ganzen Zipser Landes.

Ein rauhes Klima herrscht hier infolge der Höhenlage, nur die geschützten Orte am Südfuße der Gebirge machen davon eine Üusnahme. Über dank der Fruchtbarkeit des Bodens und infolge des Fleißes seiner Bewohner liefert die Zips doch noch schöne Erträge sowohl in der Landwirtschaft wie in der Vieh­zucht. Gerste, Hafer, hülsenfrüchte und Flachs werden allerwärts und mit Erfolg angebaut, der Hopfen liefert reiche Ernte, die härteren Obstsorten gedeihen noch sehr gut, und die großen Wälder des Gebirges bieten immer noch einen Schatz von Bau- und Nutzholz. Die Viehzucht steht überall in Blüte, verschiedene Mineralien wie Gold, Kupfer, Eisen und Zinnober werden hier und da abgebaut und verhüttet, und manche Gewerbe werden im Lande gepflegt, darunter besonders Töpferei, Leinweberei und Gerberei.

In dieses von der Natur reich bedachte Land sind nun im früheren Mittel­alter auf Veranlassung der ungarischen Herrscher Sachsen aus Deutschland ein­gewandert, ähnlich wie dies auch in Siebenbürgen und in anderen Gebieten Ungarns der Fall gewesen ist. Unverfälscht und getreu der Sprache und ihren alten Sitten haben sich diese Deutschen bis auf unsere Tage mitten unter fremden Volksstämmen erhalten. Im Jahre 1412 kamen diese sogenannten sechzehn Zipser Städte mit den umliegenden Ortschaften an polen- bei der ersten Teilung Polens fielen sie wieder an Ungarn- unter beiden Herrschaften hat es nicht an Bemühungen gefehlt, die Zipser Deutschen zu polen oder Magyaren umzuwandeln alle Liebes- und Zwangesmühe indes war ver­gebens, sie waren und blieben deutsch. Selbst die rücksichtslosen Magyari- sierungsversuche der jüngsten Zeit haben einstweilen die charaktervolle Eigenart und vor allem die treu gehütete Muttersprache der Zipser Deutschen nicht zu beseitigen vermocht. Ruf der Post, am Bahnhof und in den Gasthäusern von