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Bd. 1 (1916) Österreich-Ungarn, Balkan, Orient
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12. Die Spinnreih.

Das Spinnrad ist der Mittelpunkt des winterlichen vorflebens, ein not­wendiger Bestandteil der Wirtschaft und eine Zierde des Hauses, das Abzeichen der Mannbarkeit des jungen Mädchens und der Stolz der jungen Frau, die das erste Linnen für ihre Wirtschaft spinnt.

Lin rechtes deutsches Vauerndorf im Vanat hat seine hundert JochHanf" gebaut, und der will gesponnen werden. Welch ein Gesurre das durch vier bis fünf Monate in den Spinnstuben abgibt, kann man sich leicht vorstellen, und obgleich das Spinnen von den Bäuerinnen als ein Vergnügen angesehen wird, weil es zumeist in geselliger Gemeinschaft mit Nachbarinnen und Freundinnen stattfindet, ist es doch eine heiße Arbeit, die getan werden muß. Ls würde ein unauslöschlicher Schandfleck für eine Bäuerin sein, wenn sie, ob allein, ob mit ihren Mägden, nicht mit dem Spinnen zustande gekommen wäre und sich ein Stück Linnen während des Sommers kaufen oder leihen müßte. Auch ist es ein Zeichen von tiefer Armut, wenn in einem Hause wenig, von Bettel- haftigkeit, wenn es nichts zu spinnen gibt. Ein Dorfmädchen, das im Winter nicht spinnt, ist undenkbar- es könnte sich nirgends sehen lassen, ohne un­angenehm aufzufallen und der Gegenstand des Geredes zu sein, es würde in keiner Reih' als ein vollwertiges Dorfkind mitgezählt werden. Darum er­werben sich im Winter auch die ärmsten Frauen des Dorfes durch Spinnen für andere ihren Bedarf an Linnen, und selbst die verzärteltsten Töchter der halbherrischen Handwerker und' Rleinhäusler, die sich bei keiner Feldarbeit blicken lassen, spinnen sich im Winter die Finger wund weil sie die Spinn- reih' nicht meiden wollen, wo die Blüte der jungen Welt des Dorfes sich ver­sammelt. Spinnen bringt nicht nur Schuhe und Strümpf', Spinnen bringt viel mehr.

Die Spinnreih ist für alt und jung der Inbegriff aller geselligen Ver­gnügungen des winterlichen Dorflebens. Was das erste lange Rleid für den Backfisch, das ist das erste Spinnrad für die kleine Schwäbin- was für jenen der erste Ball, das ist für diese der erste Besuch einer Spinnreih. Wie mühselig hat so ein kleines schwäbisches Bärbl sich ein Anrecht auf die Spinnreih nicht zu erwerben! Solange sie auf der Schulbank sitzt, muß sie in ihrer freien Zeit daheim oder bei der älteren Schwester die Rindsmagd sein- dann vertraut man ihr die Gänse an, die sie barfuß auf die Hutweide treibt und hütet- später darf sie, falls sie das Unglück hat, keinen kleinen Bruder zu besitzen, beim Ackern tagelang neben den Gäulen herlaufen, sie führen und treiben, sich mit hott und hüh heiser schreien und bei jeder neuen Furche, die zu ziehen ist, ihre Geschicklichkeit zeigen- die bittersten Tränen fließen bei dieser Tätigkeit, und erst wenn die Mutter findet, daß Bärbl zu groß geworden, um noch mit dem Unecht allein ackern zu fahren, kommen häusliche Aufgaben an sie. Lin Spinn­rad zwar erhält sie auch dann noch nicht, aber man vertraut ihr nun oft das Haus an und sie darf im Sommer das Linnen bleichen, das dieGroßen" gesponnen.

Und auch das ist eine Lust. Der weite Hof wird mit pflöcken besteckt, und sobald Wagen und Pferde des Morgens aus dem Hause, Hühner, Gänse und Hausschweine gefüttert sind, geht unser Bärbl daran, das graue Linnen im sonnigen Hofe aufzuspannen, das sie während des Tages, so oft es trocken ist, mit Wasser zu begießen hat! Ehe der Abend einbricht, muß alles wieder