Einleitung.
Wir Deutsche können uns den vorwurf nicht ersparen, daß wir Millionen von Volksgenossen, die sich von der alten Heimat trennten, um eine neue zu suchen, verloren gaben. Ihr Schicksal kümmerte die vaheimgebliebenen wohl noch insofern, als verwandtschaftliche Beziehungen aufrecht erhalten blieben. 5lber auch sie rissen mit der Zeit langsam ab. So gingen uns große Schätze
starker Volkskraft verloren. Ganz anders in England und Frankreich. So
viele von dort auch auswanderten, so blieben sie doch in Verbindung und unter dem Schutz des Mutterlandes, dem sie auch draußen dienten, zu dessen Macht und Ansehen in der Welt sie nach Kräften beitrugen. Zudem sorgten heimische verbände für den Zusammenhalt der auswärtigen mit den heimischen Volksgenossen. Man erinnere sich nur der Anstrengungen der ^Iliance
kran^aise und ihrer Erfolge, die sie namentlich in Belgien und im Elsaß zu
erreichen wußte.
Ein ganz anderes Bild zeigt Deutschland auf. Was haben wir getan, um z. B. die Balten, die deutschen Bauernsiedlungen in Rußland, auf dem Balkan und anderwärts an uns zu fesseln? Ist es nicht so, daß wir die deutschen
Splitter, die vom Mutterland abgetrennt waren, verloren gaben? wer
kümmerte sich um sie? wer wußte etwas Näheres von ihnen?
Erst nach der Gründung des „Vereins für das Deutschtum im Ausland"
trat vor etwa zwei Iahrzehnten eine Änderung ein. Aber gerade die Entwicklung dieses Vereins zeigt deutlich an, wie gering das Interesse unserer Volksgenossen an den Schicksalen der Deutschen im Ausland war und bis in die Gegenwart hinein geblieben ist- welcher Anstrengungen es bedurfte, um das Interesse für unsere Volksgenossen im Ausland zu wecken und zu stärken- um das Verständnis dafür wachzurufen, daß die abgesprengten Teile unseres Volkstums doch noch als lebendige Glieder unseres Vaterlandes zu betrachten sind und als solche ihm trotz der Trennung wertvolle Dienste zu leisten vermögen.
Die Gründe für diese traurige Erscheinung sind im Wesen des Deutschtums zu suchen, wenn wir ihm nachgehen, so fällt uns sofort der Mangel an politischem Zinn auf. was bei andern Nationen zu stark, ist bei uns entschieden zu schwach entwickelt. Die schwere und lange Entwicklungszeit, die wir von der Anarchie der einzelnen Stämme bis zu ihrer machtvollen 3u- sammenballung durchlaufen haben, legt beredtes Zeugnis davon ab. Gegenüber dem zentralisierenden Wesenszug der Franzosen, der ihnen frühzeitig in Europa das Übergewicht sicherte, führte die Dezentralisation in Deutschland zwar zu schöner kultureller Entfaltung der in den einzelnen Stämmen liegenden geistigen Kräfte, aber gleichzeitig zur Niederhaltung der politischen Instinkte. Erst in der Not der Zeiten fingen sie an zu erwachen und allmählich zu erstarken. Die napoleonische Fremdherrschaft rief die Deutschen zur Selbsterhqltung auf. Aus den Freiheitskriegen rang sich der Gedanke nach politischer Einigung empor.