Koloniales Verkehrswesen.
Von Dr. Paul Rohrbach» Berlin-Friedenau.
Die erste bedeutsame Entwicklungsperiode des Verkehrswesens der deutschen Kolonien fällt in die Zeit Dr. Stube l's, der von 1900 bis 1905 an der Spitze unserer Kolonialverwaltung" stand. Unter Stübel wurden vollendet, im Bau begonnen oder vom Reichstag bewilligt folgende Bahnen:
Jn.Südwestafrika: die ursprüngliche Staatsbahnlinie von Swakopmund na'ch Windhnk, die Otawibahn und die Bahn Lüderitzbucht — KeetmanshooP. In Ostafrika: die Stammlinie der Usambarabahn und die Anfangsstrecke der Zentralbahn Daressalam — Morogoro. In Kamerun: die Man engubab ahn. In Tog'o: die Bahn Lome — Palime.
Für das Maß von Interesse und Verständnis, das man damals in Deutschland den kolonialen Eisenbahnproblemen entgegenbrachte, ist die Antwort charakteristisch, die Stübel einer höhergestellten Persönlichkeit auf die Frage gegeben haben soll, wo denn Morogoro liege: Morogoro liegt, wo das Geld zu Ende ist! In der Tat ließen sich weder der Reichstag nock/das Finanzinstitut, das mit Mühe dahin gebracht worden war, gegen eine dreiprozentige Reichsgarantie den Bau ins Werk zu setzen, zu einer längeren Baustrecke als 200 Icin landeinwärts bewegen. Wo diese 200 Km zu Eude sind, dort liegt ungefähr Morogoro; irgendein fachlicher Grund, gerade diesen Platz als Endpunkt des Baues zu wählen, lag nicht vor. Man wußte wenig von Afrika, glaubte aber um so sester an die seitdem von der Praxis wiederlegte Theorie, daß in Afrika nur Stichbahnen von nicht mehr als einigen Hundert Kilometern Länge, von der Küste ins Innere, rentabel sein würden, und lehnte von vornherein die afrikanische Eisenbahnbaupolitik anderer Mächte als für uus unverbindlich ab, weil die deutschen Kolonien dafür „zu wenig wert" seien.
Eine andere Geschichte, die nur zu gut illustriert, wie es vor der Zeit Stübels selbst innerhalb der Kolonialverwaltung mit dem Verständnis für Eisenbahnbau in den Kolonien aussah, knüpst sich an die Vergebung der sogenannten Damaraland- konzession an eine englische Gesellschaft, die die Kupferfundstellen im Norden von Südwestafrika ausbeuten wollte. Die Gesellschaft erhielt auf eine längere Reihe von Jahren das Privileg sür den Bau und Betrieb einer Eisenbahn in dasz Landesinnere nördlich vom Parallel von Walsischbai. Nun kam Anfang 1897 die Rinderpest von der Kapkolonie nach Südwestafrika, und die^Verluste waren anfangs so groß, daß die Regierung befürchtete, es könnte Mangel an Transportochsen zur Beförderung der Frachten ins Innere eintreten. Daraufhin wurde beschlossen, um an tierischer Zugkraft zu sparen, schleunigst eine Feldbahn durch die Namib von Swakopmund bis Jakals--