Das protestantische Christianisierungswerk.
Vom protestantischen Missionsbetrieb und seinen einzelnen Unterschieden können wir uns nicht so leicht eine konkrete Vorstellung machen, weil die meisten Berichte hierin sehr lückenhaft und unvollständig sind. Statt der Missionsschwestern versehen hier die Missionarsfrauen, mitunter auch unverheiratete Missionarinnen den weiblichen Missionsdienst. Auch hier geht das Missiouswerk vou den Hauptstationen aus, die von Neben- oder Außenstationen umgeben sind; verwirrend wirkt es nach Mirbt, wenn neben letzteren auch Predigtplätze aufgezählt werden, d. h. Orte, an denen regelmäßig oder gar nur das eine oder andere Mal gepredigt wird. Die größere Individualisierung erlaubt es der protestantische» Mission, sich schneller und weiter auszudehnen, mit dieser Diffusion und Zersplitterung sind aber auch manche Schattenseiten verbunden. Im Mittelpunkt der missionarischen Arbeit steht die Missionspredigt; große Schwierigkeiten bietet freilich einerseits das Festhalten der konfessionellen Unterschiede auch gegenüber den anderen protestantischen Denominationen, andererseits der Mangel an unverrückbaren dogmatischen Normen. Viel stärker als in der katholischen Mission wird die Bibel als Missionsmittel herangezogen, doch aus pädagogischen Rücksichten wie dort kluge Auswahl und Erläuterung empfohlen. Auch die protestantische Mission setzt die Erziehung der Eingeborenen und die Verdrängung der heidnischen Laster auf ihr Programm, wenn sie auch im allgemeinen nicht über eine ebenso hohe Autorität verfügt wie die katholische. Auch sie nimmt die Heiden durch die Taufe in die christliche Kirche ans und bereitet sie vermittels eines mehr oder weniger langen Katechumenats darauf vor, ohne deshalb von Enttäuschungen und unlauteren Absichten beim Übertritt ganz bewahrt zu bleiben. Eine Ausnahmestellung nimmt der allgemeine evangelisch-protestantische Missionsverein in Kiautschou ein, da er entsprechend der liberalen Richtung seiner Heimatkreise auf den streng dogmatischen Charakter des Christentums verzichtet und sich auf kulturell humauitäre Einwirkung konzentriert; doch kann auch er uicht umhin, wenigstens in neuester Zeit sowohl in seinen Schulen als auch in seinen Hospitälern eine gewisse religiöse Einwirkung auszuüben und Gelegenheit zu religiösen Betätigungen zu verschaffen.
Über das sittlich-religöse Niveau der neueu Protestantischeu Christengemeinden ein allgemeines Urteil zu fällen, ist schwer. Der Rückfall der aufständigen Hereros und Hottentotten in Südwest-Afrika hat in dieser Hinsicht große Zweifel eingeflößt, und auch das Fiasko der Baptistenmission in Kamerun wegen der Zuchtlosigkeit ihrer Neuchristen ist geeignet, uns über die spezifischen Schwierigkeiten der protestantischen Kirchenzucht zu belehren. Noch die letzten Kamerunberichte der Basler klagen sehr über das geringe Interesse für den Religionsunterricht, die Unzuverlässigkeit der schwarzen Gehilfen und die Schwierigkeiten der Gemeindegründung. Nicht minder sieht sich bei den Chinesen die Berliner Mission angesichts der Herrschaft von Lug und Trug, der weit verbreiteten sklavischen Gesinnung, dem Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl trotz der ständigen Proklamierung vou Morallehren vor schwierige Probleme gestellt. Lobenswert im Interesse des moralischen Ansehens der christlichen Gemeinden ist die Praxis der protestantischen Sendboten, bei bestimmten Rückfällen eine Art von Exkommunikation eintreten zu lassen (auch auf katholischer Seite gehandhabt, aber nicht öffentlicht registriert); stündig figurieren in den Berichten mehrere unter dem Titel „ausgeschlossen" (so versagte die Bremer Mission 1912 in Togo 149 Gliedern die Gemeinderechte und hielt die Brüdergemeinde 1911 am Nyassa 96 Mann in „Kirchenzucht"). Protestantischerseits scheint der Kampf gegen den übertriebenen Alkoholgenuß unter den wehrlosen Negern besser organisiert zu seiu, wenn auch infolge der staatlichen Eindämmungspolitik viele Klagen der Missionare hierin ver-