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Deutschland als Kolonialmacht : Dreißig Jahre deutsche Kolonialgeschichte / Hrsg. vom Kaiser-Wilhelm-Dank Verein d. Soldatenfreunde
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schantung in der Wohlfahrtspflege auszufüllen. Überall, wo sie konnte, stand sie bei den großen Nöten der letzten Zeit helfend und lindernd der christlichen wie heidnischen Bevölkerung zur Seite; während der großen Hungersnot von 1911 verteilte sie für mehr als 50000 -M Getreide an die Darbenden und entriß dadurch Tausende dem Hnngerstod. In ihren sieben Waisenanstalten verpflegt und erzieht sie an die Tausend Kinder, die sonst einem sicheren Unter­gang preisgegeben wären, in ihren zwei Greisenasylen gegen 100 altersschwache Leute. In den beiden Missionsspitälern der Franziskanerinnen in Tsingtau und der Steyler Schwestern in Jentschoufu werden täglich 150 bis 250 Kranke fachärztlich behandelt und finden teilweise Aufnahme. Fast allen Stationen stehen Apotheken für den notwendigsten Bedarf zur Verfügung. Unermüdlich sind die Schwestern in Tsingtau, Kiautschou und anderswo in der auswärtigen Haus­und Krankenpflege tätig.So tragen sie", heißt es im letzten Neujahrsgruß des apostolischen Vikars Henninghaus,den warmen Sonnenschein der christlichen Caritas und damit die Frohbotschaft des Heilands in manches heidnische Haus."

Die protestantische Wohlfahrtspflege.

Hat auch die evangelische Mission sich auf sozialcaritativem Gebiete nicht die­selben Lorbeeren geholt wie die katholische, übergeben auch zum Teil ihre wesentlich religiös orientierten Jahresrundschauen diese Bestrebungen als mehr oder weniger selbstverständlich, so lassen sich doch die Anzeichen einer Betätigung und Fortentwick­lung in diesem Sinne nicht verkennen. Auch sie ist zunächst bestrebt, das Familien­leben und die allgemeine Lebensführung nach Kräften zu heben. Ein Zeichen der neuen Zeit ist es z. B., wenn der Missionsdampfer Bodelschwingh, für den die Bethel-Bielefelder Gesellschaft schon 1911 18000 M gesammelt hat, würdevoll über den Kivusee dahingleitet. Mit berechtigtem Stolz berichtet die Norddeutsche Mission, daß die Straßen ihrer Christendörfer immer freundlicher und reinlicher werden; die Missionsgesellschaft für Deutsch-Ostafrika, daß die finsteren rauchigen Negerhütten durch luftigere und festere Bauten ersetzt werden und in einem Jahre nicht weniger als 50 Ziegelbauten von den Eingeborenen für sich selbst ausgeführt worden sind. Mehr und mehr werden statt der weißen Handwerker zu den Kirchen- und Schulbauten einheimische Maurer und Tischler herangezogen.

Auf diese Weise werden durch die Mission auf verschiedene Weise die Ein­geborenen in die Arbeit eingeführt. Besonders wo, wie in Westafrika, der Bil­dungsdrang die Gefahr der Unterschätzung körperlicher Arbeit mit sich bringt oder, wie in Ostafrika, Zehntausende durch die Weißen als Träger und Arbeiter von der Scholle losgelöst werden, sind die Bemühungen der Mission für Ackerbau und Handwerk von unschätzbarem Werte. Nicht ohne Grund rühmt daher die pro­testantische Togomission als schöne Frucht ihrer Arbeitserziehung, daß unter ihren Schülern die Liebe zum Landbau wieder im Wachsen begriffen ist. Emsig ist sie bemüht, ihre Schüler in baulichen und landwirtschaftlichen Arbeiten zu beschäf­tigen, Musterplantagen (Kakao, Kaffee, Yams, Baumwolle, Obst- und Nutzbäume) anzupflanzen und durch Versuche mit Sämereien die Produktionsfähigkeit des Landes zu steigern, sich mit einem Stamm von fleißigen und tüchtigen Land­arbeitern, Tischlern, Zimmerleuten, Glasern, Drechslern, Maurern zu umgeben. Werkstätten für Schreinerei und Schlosserei, zum Teil auch Schuhmacherei und Buchbinderei unterhält ferner die Basler Mission in Kamerun. Ebenso hat sich die Rheinische Mission in Südwestafrika der gewerblichen Ausbildung der Ein­geborenen stärker zugewandt und zu diesem Zwecke nach katholischem Vorbild Handwerkerbrüder dahin ausgesandt; daneben betreibt sie in ihren Farmen zu Gaub und Omburo rege Viehzucht und Landwirtschaft. In Deutsch-Ostafrika geben die Bielefelder, Berliner, Leipziger Adventisten den Eingeborenen mannigfache

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