Erwerb und Behauptung.
Die Stadt Kiautschou, nach der unser Schutzgebiet seinen Namen hat, war einst eine blühende Handelsstadt an dem Strande der nach ihr benannten Bucht. Infolge der zunehmenden Entwaldung ist die Bucht allmählich durch Schwemmland verkleinert worden, und Kiautschou liegt jetzt 8 Km landeinwärts, außerhalb der Schutzgebietsgrenze. Ihr Hafenort ist Taputou, das noch zum Pachtgebiet gehört. Die großen Seedschunken müssen jedoch 10 Km von diesem Ort entfernt ankern. Der weitere Verkehr wird durch flache Kähne vermittelt, anderen Fahrzeugen ist die Fahrt auf der schmalen und gewundenen Fahrstraße durch das Wattenmeer nicht möglich. Hier sehen wir die schädlichen Folgen einer rücksichtslosen Waldvernichtung. Früher muß das anders gewesen sein, denn sonst ist uns die große Bedeutung, die Kiautschou in der Geschichte gehabt hat, nicht erklärlich; sie hat ihren Namen von der Kiau-Barbaren, Ureinwohnern des Landes, die im 6. Jahrhundert v. Chr. von den von Westen vordringenden Chinesen unterjocht wurden. Im 9. Jahrhundert n. Chr. wird von einem arabischen Schriftsteller ein Ort Kantn als der nördlichste von seinen Landsleuten besuchte Hafen Chinas erwähnt. Nach Nichthofen soll mit Kantn nichts anderes als Kiautschou gemeint sein, das damals den Zwischenplatz für den Handel mit Korea bildete. In den chinesischen Chroniken wird jedoch nichts von diesem Handel mit Korea erwähnt, auch war damals die Stadt Kiautschou nur ein Marktflecken. Ihre Blüte sollte die Stadt erst zur Zeit der Sung- dynastie erlebeu (960 bis 1126), sie wird da auch als Einschiffungshafen für Korea genannt. Ihre Handelsverbindungen erstreckten sich zur See nach Kanton, Fukien und Tschekiang, der Binnenhandel über Schantung bis nach Tschili und Honan.
Die Brandschatzungen der Küste durch die japanischen Seeräuber, sowie die nicht ganz ungefährliche Fahrt um das stürmische Vorgebirge von Schantung, veranlaßten den ersten Herrscher der Mongolendynastie Kublai Khan (1260 bis 1294) im Jahre 1280 den Bau eines Kanals zu veranlassen, der Kiautschou unmittelbar mit den: inneren Gelben Meer verbinden sollte. Es mag dabei auch der Gedanke an eine sichere Beförderung des Tributreises aus dem Süden nach der Hauptstadt Peking den Anstoß gegeben haben. Man benutzte bei der Anlage dieser Wasserstraße die schon erwähnte Kiau-lai- Senke, in der zwei Flüsse, der nach Süden fließende in die Bucht von Kiautschou mündende Kiau-Ho und der in die Bucht von Lai-tschou-fu mündende nach Norden fließende Lai-Ho sich nähern. Die Länge des Kanals gibt Tschepe S. I. in seinem Aufsatz „Aus Tsingtaus Vergangenheit" auf 300 li (^ 150 Km) an, eingeschlossen sind hierbei die kanalisierten Flußläufe. Die Bauzeit nahn: fünf Jahre in Anspruch, aber die Mühe hatte wenig Erfolg. Die Wassertiefe betrug nur 3 Fuß, so daß größere Seeschiffe ihn nicht benutzen konnten, außerdem machten die eindringenden Sandmassen ihn bald unbrauchbar. Überreste des jetzt trockenen Kanals existieren noch und lassen die Sorgsalt erkennen, die auf seine Herstellung verwendet wurde. Auch zur Zeit der Miugdynastie 1537 werden Arbeiten an dem Kiau-lai-ho (d. h. dem Kanal zwischen Kiautschou uud Lai-tschou-fu) erwähnt. Im Jahre 1290 wurde Kiautschou von der Last der Beförderung des Tributreises befreit, die nun auf dem Kaiserkanal geschah, sobald aber Unordnungen in diesen: Kanal eintraten, wurde Kiautschou als Ersatz herangezogen, zum Schutz des Hafens gegen die japanischen und chinesischen Seeräuber wurde auch 1373 die Festung Ling- schan-wei, auf der südlichen Halbinsel der Bucht, außerhalb unsere Gebietsgrenze gelegen, erbaut. So blieb Kiautschou trotz der zunehmenden Versandung seines Hafens, über die besonders während der letzten Dynastie geklagt wird, immer noch eine bedeutende Stadt, die maritime Eingangspforte für Schantung. Wir sind absichtlich etwas eingehender auf seine Geschichte, gerade während seiner Blütezeit, eingegangen, um zu zeigen, was Kiautschou war und was es wieder werden soll.
Den Mittelpunkt des Handels in Schantung bildete die Stadt Wei-Hsien, an der Eisenbahn Kiautschou—Tsinanfu, 100 Km von Kiautschou entferut gelegen, wohin früher eine der Hauptstraßen des Landes führte. Die Kaufleute von Wei-Hsien übernahmen