Schlusswort.
Beim Abschluss des zweiten und letzten Bandes habe ich noch einige Worte zu sagen. Während der erste die Ethnologie von Samoa behandelt, bringt dieser die Ethnographie. Diese Begriffe der Völkerkunde sind durchaus noch nicht so geklärt, wie man glauben sollte. Winternitz hat jüngst im Globus Bd. 78 die Ansichten der Fachleute zusammengestellt. Ich glaube, die Begriffe so fassen zu sollen, dass die Ethnologie die Tiefen der Volksseele zu ergründen sucht, das geistige Eigentum eines Volkes, die Begründung und Ausbildung von Religion, Geschichte, Staatsform, gestützt auf Sprache, Mythus, Sage und Überlieferung. Die Ethnographie hingegen befasst sich mit den Äusserungen und dem Äusserlichen als Anthropologie (Somatologie), Sociologie 1 und Industrie, gestützt auf Geographie und Naturwissenschaft. Ich glaube, dass man das Verhältnis zwischen Ethnologie und Ethnographie nicht treffender festlegen .kann, als wenn man sie mit dem analogen Verhältnis der Geologie zur Geographie vergleicht. Die Ethnologie als vergleichende Völkerkunde der speciali- sierenden beschreibenden Ethnographie gegenüberzustellen, halte ich nicht für vorteilhaft. Denn vergleichende Ethnologie und vergleichende Ethnographie sind ebenso für sich berechtigt, wie neben der beschreibenden die vergleichende Anatomie. Ich möchte dies hier nur deshalb betonen, weil ich in den folgenden Blättern häufig von einem permanenten und einem intermediären Kulturbesitz 2 zu reden haben werde, je nachdem es sich um ein eigenes Kulturerzeugnis oder um eine zeitige oder dauernde Entlehnung von benachbarten Völkern handelt, oder um Pseudomorphosen im Sinne von Thilenius. Wenn auch die definitive Lösung in zahlreichen Einzelfällen erst nach genauerer Erforschung auch jener Kulturcentren erfolgen kann, so geht doch aus dem folgenden unzweideutig hervor, dass die Kulturerzeugnisse eines Volkes schon durch Handel und Verkehr eine gewaltige Beeinflussung erfahren können und dass es durchaus nicht angängig ist, Völkerwanderungen aus ihnen zu schliessen, wie man es neuerdings im indogermanischen Gebiet getlian hat. Solche lehrt hauptsächlich nur die Ethnologie und die Philologie, nicht aber die Ethnographie, welche ersteren die Wege weist, indem sie die Strassen des Handels und des Verkehrs klarlegt.
Betreffs der Abgrenzung der Ethnologie und der Ethnographie aber möchte ich auf die Worte Ratzel’s verweisen, welche er betreffs der Erdkunde in seiner Anthropogeographie gebraucht. Er sagt dort p. 8 (1. Aufl.):
„Beide Eigenschaften sind nun offenbar geeignet, die Begrenzung der Erdkunde zu erschweren. Aber man gestatte die Vorbemerkung, dass bei der Abgrenzung einer Wissenschaft niemals streng logiscli verfahren, von der Idee oder der Konstruktion allein ausgegangen werden kann; es ist vielmehr hier jenes zufällige Moment mit in Rechnung zu ziehen, dass jede Zeit jeder Wissenschaft andere Grenzen giebt. Gleich allen andern Grenzen, die von Menschen gesetzt sind, verschieben sich auch
1 Zu diesem grossen Begriff der (Jesellschaftslehre würden die Sitten und Gebräuche gehören, zu Industrie die Heilkunde und die Prähistorik.
„ 2 Vergl. z. B. das darüber p. 172 in der Anmerkung Gesagte.