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Die Provinz Schantung zählt auf einem Gebiete, das etwa die Hälfte der Bodenfläche des Königreichs Preußen einnimmt, gegen 45 Millionen Menschen. Die Bevölkerungsdichtigkeit ist also etwa dreimal so stark wie diejenige Preußens. In Wirklichkeit aber drängten sich die Leute in der Ebene von Schantung noch viel mehr zusammen, weil in den Gebirgen naturgemäß nur eine spärlichere Bevölkerung wohnen kann. Alle diese Leute sind für die Gewinnung ihres Unterhalts fast ausschließlich auf den Ackerbau angewiesen, und betreiben ihn mit einer Sorgfalt und einer Gründlichkeit, der ich kaum Ähnliches an die Seite zu stellen weiß. Jeder Fußbreit irgendwie benutzbaren Bodens ist aufs sorgfältigste angebaut; selbst an den kahlen Bergabhängen sieht man Terrassen, wo die Pflanzerde hinaufgetragen und durch kleine Steindämme befestigt wird, um schmale Beete für Zwiebeln herzustellen. Jetzt sehen wir im ganzen Lande, soweit das Auge reicht, das erquickliche Grün der jungen Weizenfelder, deren Saaten wir drei Wochen später bei der Rückkehr schon halbmeterhoch aufgeschossen finden. Als zweite Frucht wird vielfach Hirse gebaut, deren zolldicke, 3 bis 4 irr hohe Stengel zu Umzäunungen und Dachbedeckungen und zur Herstellung kleinerer Gebäude benutzt werden; daneben werden massenweise Hiilsenfrüchte, namentlich Bohnen, ferner auch Kohl, Rüben oder Kartoffeln gezogen.
Es war ein erfreulicher Anblick, das lebendige Treiben auf diesen Frucht- gefilden wahrzunehmen. Es hatte in den ersten Tagen unserer Reise geregnet, an einem Tage sogar geschneit, und die Chinesen, die die Nässe sehr scheuen, hatten in ihren Häusern gehockt. Jetzt kamen warme und sonnige Tage, und nun quoll aus der Hütten bedrückender Enge ein Menschengewimmel hervor, das sich blitzschnell über das ganze Land ergoß. Überall sahen wir die Feldarbeiter die dicken Winterkleider abwerfen und die braunen Oberkörper mit Vergnügen den langentbehrten Sonnenstrahlen preisgeben. Auch die Kinder, die in ihrer dicken, gesteppten Winterhülle fast bewegungslos wie ihre kleinen Götzenbilder vor den Häusern gesessen hatten, schlüpften jetzt aus dieser Verhüllung heraus und hüpften in fröhlicher Unbefangenheit umher. Allenthalben wurde das Ackergerät hinaus geschafft; dreispännig sahen wir Pferd, Ochs und Esel, oder auch Maultier, Rind und Esel vor dem Pfluge gehen. An der Feldbestellung beteiligt sich die ganze Familie. Auch die Bauerfrau hilft trotz ihrer verkrüppelten Füße beim Ausjäten oder bei leichteren Hack- arbeiten. Sie reicht dem braunen Gatten, der im Schweiße seines Angesichts mit der schweren Hacke die Schollen des Gartenlandes aufbricht, die Pflanzen zum Einsetzen dar, oder sie hantiert an den kleinen hölzernen Stauwerken herum, welche den Zufluß des Wassers in den Berieselungsgräben regeln.
Dr. Fischer.
4. Der 6cikLli von ^lingtau.
Der große Kreuzer „Fürst Bismarck" hatte seine Südreise vollendet. S. M. S. Fürst Bismarck, das augenblicklich stolzeste deutsche Kriegsschiff in Ostasien, kam aus Niederländisch-Jndien zurück. Alle paar Jahre sagt einmal ein deutsches Kriegsschiff den Holländern auf den Sundainseln und unsern deutschen Landsleuten unter ihnen guten Tag. Sumatra hatte das
Kolonial-?esebuch. 10