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Ein großes Netz von Fußwegen, die auch in den hohen Gebirgsgegenden nicht fehlen, verbindet die Dörser, Gehöfte, Tempel und Friedhöfe miteinander. Auf diesen Pfaden vollzieht sich der ganze Verkehr. Sie dienen gleichmäßig dem Fußgänger, dem Reiter, dem Lastträger, dem Saumtier und vor allem dem einräverigen Schubkarren, diesem Haupttransportmittel in China. Die Bevölkerung ist kräftig und gut gebaut, friedfertig und genügsam. Sie lebt hauptsächlich von Feld- und Gartenbau, betreibt aber auch Viehzucht, Fischerei und Schiffahrt.
Unsere Kolonie, und im weiteren Sinne die ganze Halbinsel Schan- tung erfreut sich nicht allerwärts eines besonders ergiebigen Ackerbodens. Trotzdem ist jedes Fleckchen, und sei es noch so klein, aufs sorgfältigste bebaut. Schon im Februar beginnt die Arbeit auf den Feldern, und der Juni ist der erste Erntemonat. Dann werden Gerste und Weizen „gezogen" — denn die Wurzeln dienen als Brennmaterial — und in die Scheune ge- gebracht. Die Aprikosen, Pfirsiche und Pflaumen reifen, und das Grün der Granatbäume verschwindet unter der Fülle roter Blüten. Die leeren Schläge werden mit Hanf, Mais nnd Hülsenfrüchten, namentlich Bohnen, bestellt, die in der fruchtbaren Regenperiode so üppig gedeihen, daß Ende September die Haupternte beginnt. Der Reis ist gelb, die Hirse trocken, und die Dorfmühlen schaffen Tag für Tag, um die Körner in grobes Mehl zu verwandeln, das als wichtigster Vorrat für die kalte Jahreszeit aufgespart wird. Nun kommen Sesam, Bohnen, Erbsen und Altais an die Reihe. Dann folgen der Buchweizen und die Zahl der Oktoberfrüchte, wie Zitronen, Datteln, Kastanien und Erdnüsse. Den Schluß macht die Versorgung der Felder mit der Wintersaat, nämlich Gerste und Weizen. Das Erdreich hat also knapp ein Vierteljahr Ruhe, und es ist daher billig zu verwundern, daß die Erträge noch immer ergiebig genug ausfallen, die starke Bevölkerung zu ernähren. Bei einer minder sorgsamen und fleißigen Bearbeitung wäre dies ganz unmöglich. Nach Deimling und H. Seidel.
3. Line krüliljngZkakrt ffurcti vLutlcli-Ctijnci.
Unabsehlich streckt die Ebene sich nordwärts vor uns aus. Von dem Grün ihrer eben aufsprießenden Weizenfelder heben sich die dunklen Baumgruppen wirksam ab, welche die zahlreichen Dörfer umkränzen. So zahlreich sind diese Dörfer, daß die vorn und dahinter liegenden scheinbar sich aneinander reihen und ihre Baumgruppen sich zusammenschließen wie ein Wald. Es sind aber keine Waldbäume, die diesen Anschein erwecken, sondern Obstbäume, die gartenartig um die Dörfer gepflanzt sind. Schon fangen die Blüten an aufzubrechen. Wir sehen die weißen Blüten des Birnbaums, der die großen und süßen, aber für unsern Geschmack etwas faden Schantung- birnen trägt; hier und da beginnt auch ein Pfirsichbaum sich mit dunkelrolen Blüten zu schmücken. Bei unserer Rückkehr hatten wir das Vergnügen, die Dörfer ganz in Blüten eingehüllt zu sehen; zu den Birnen und Pfirsichen hatten sich die Apfel- und Pflaumenbäume, die Quitten und der Flieder gesellt, dazu zahlreiche Nußbäume, sowie sehr sorgfältig gepflegte Maulbeer- pflanzungen, die Träger der Seidenzucht des Landes.