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Kribi, am 2. Oktober 1905.
Der bisher in Viktoria praktizierende Dr. Z. kam zu meiner Ablösung vor einigen Tagen in Kribi an, sodaß ich nächstens meine Reise nach Jaunde werde antreten können. Der gleiche Dampfer brachte eine schöne ärztliche Ausrüstung mit, um die ich meinen Nachfolger von ganzem Herzen beneide. Ich selbst hatte ja in den vergangenen 8 Wochen fast nichts an Instrumenten hier, und von den mehr als 500 Patienten, die Hilfe bei mir suchten, habe ich manchen auf die Zeit vertrösten müssen, wo ich wieder ein ordentliches Messer würde in die Hand nehmen können. Zum Arzthause ist nunmehr ein anderes Regierungsgebäude, das ehemalige „alte Bezirksamt" umgewandelt worden, das zwar weniger günstig liegt als mein luftiges, altes Zollhüuschen, das aber dafür 3 Räume zur Unterbringung der Apotheke, des Operationsraumes und der Arztwohnung bietet. Kritisch bleibt aber nach wie vor die Frage, wo man die Schwarzen nach einer größeren Operation hinbefördern soll. Vorgestern und heute haben wir das neue Instrumentarium mit einigen bisher aufgeschobenen Operationen eingeweiht, die ich vor meiner Abreise gern noch erledigt sehen wollte. Nach beendetem Eingriff und Verband blieb uns nichts anderes übrig, als die Patienten einstweilen auf die Veranda des Hauses zu legen, ihnen ein Bündel Holzwolle unter den Kopf zu schieben und eine Decke über sie zu breiten. Dort schliefen sie dann solange, bis sie sich aus ihrer Narkose soweit erholt hatten, daß sie von ihren schwarzen Stammesgenossen geführt oder getragen in ihre Hütten gebracht werden konnten. Natürlich sind das unhaltbare Zustände, und wenn das geplante kleine Hospital für Weiße und Schwarze abgelehnt wird, dann bleibt nichts anderes übrig, als provisorisch einige Baracken zu bauen, oder auf die Ausübung chirurgischer Hilfeleistung zu verzichten und die Schwarzen trotz der Anwesenheit eines Arztes weiter ihrem Schicksal zu überlassen.
Am 6. Oktober 1905.
Ich möchte zwar ganz gern in den Busch ziehen, aber die nötigen Träger für meine Lasten fehlen noch. Die Trägerfrage, die bei der dichten Bevölkerung in Togo kaum jemals Schwierigkeiten machte, ist für das Bezirksamt Kribi und auch sonst in Kamerun eine der zeitraubendsten und undankbarsten Aufgaben. Der Durchgangsverkehr an Lasten nach dem Innern ist ein ganz enormer; mußte doch das hiesige Bezirksamt beim Aufbruch der Südexpedition in wenigen Tagen mehr als 1000 Trägerlasten abfertigen, ganz abgesehen von allen den kleineren Transporten von und zur Küste, die täglich zu expedieren sind. Wie muß diese Beförderung nun gehandhabt werden? Braucht ein Beamter z. B. 20 Träger, so bittet er das Bezirksamt um deren Stellung. Dieses schickt einige Tage vor dem Abreisetermin schwarze Soldaten in die Nachbarschaft, um Träger „anzuwerben"; richtiger ausgedrückt, um sie einzufangen. Sie streifen einfach die nächsten Dörfer ab, und was sie erwischen können, muß mitgehen. Die jungen und kräftigsten Leute kneifen natürlich am schnellsten beim Nahen der Soldaten in den Wald aus, und so fangen sie im Notfalle auch Frauen, alte Leute oder den Händler und Träger einer Firma ein. Daß sie die Gelegenheit auch dazu benutzen, hie und da ein Huhn, ein Kleidungsstück oder ein ihnen brauchbar scheinendes Hausgerät zu stehlen, ist so nahe liegend, daß es kaum der Erwähnung bedarf. Ein Weißer kann natürlich unmöglich überall die Tätigkeit dieser Sendlinge überwachen; auch die in Togo geübte Art, sich an den Häuptling zu wenden und ihm die Stellung der Leute zu überlassen, ist hier undurchführbar, weil die Oberhäupter der Dörfer — wenn man die kleinen, spärlichen Niederlassungen überhaupt so nennen soll —